N-Herbstdüngung. Notwendig oder überflüssig?
Eine Herbstdüngung mit Stickstoff birgt unter bestimmten Bedingungen ein erhöhtes Risiko für Nitrateinträge ins Grundwasser. Dennoch kann sie je nach Kultur und Standort sinnvoll sein. Frank Lorenz und Caroline Benecke wägen die Vor- und Nachteile ab.
Die Herbstdüngung mit Stickstoff ist ein heikles Thema, das in der landwirtschaftlichen Fachwelt heiß diskutiert wird. Vor dem Hintergrund aktueller gesetzlicher Vorgaben, agronomischer Erkenntnisse und klimatischer Veränderungen hat der DLG-Ausschuss für Pflanzenernährung auf seiner Sommersitzung 2025 intensiv über das Für und Wider einer Stickstoffgabe im Herbst diskutiert.
Was spricht aus pflanzenbaulicher Sicht für eine Herbstdüngung bei Hauptfrüchten?
Bei bestimmten Kulturen wie Winterraps oder Ackergras kann eine Stickstoffgabe im Herbst Vorteile bringen, wenn es um das Ziel geht, bis zum Vegetationsende gut entwickelte Pflanzen zu etablieren. Die frühe Versorgung mit Stickstoff fördert die Wurzelentwicklung und die Konkurrenzfähigkeit gegenüber Unkräutern. Die Düngung darf aber nicht pauschal durchgeführt werden.
Und sie muss auch nicht immer in maximal möglicher Höhe erfolgen. Klares Ziel muss eine gute, aber nicht überzogene Herbstentwicklung sein. Außerdem kann die Herbstdüngung der folgenden Hauptfrucht gezielt zur Förderung der Strohrotte nach der Getreideernte dienen. Das optimiert die Nährstofffreisetzung für die Folgefrucht. Im Herbst wäre auch der Einsatz von Kalkstickstoff zur Schädlingsbekämpfung möglich, etwa gegen Schnecken. Dieser wirkt gleichzeitig bodenverbessernd und kann die mikrobielle Aktivität fördern – gerade auf Standorten mit zu niedrigem pH-Wert.
Und was spricht dagegen?
Im Herbst und über den Winter besteht unter bestimmten Umständen eine erhöhte Auswaschungsgefahr – insbesondere bei hohen Nmin-Gehalten, hohen Winterniederschlägen und leichten Böden. Zudem müssen im Herbst ausgebrachte Stickstoffmengen im Frühjahr vom Düngebedarf abgezogen werden. Vor diesem Hintergrund ist Folgendes zu beachten: Bei der Wintergerste ist die direkte Ertragswirksamkeit einer Herbstdüngung geringer als die einer reinen Frühjahrsdüngung. Versuche haben gezeigt, dass bei Wintergerste keine signifikanten Mehrerträge durch eine Herbstdüngung erzielt werden und der gesamte N-Düngebedarf im Frühjahr bedient werden sollte. Auch bei Raps zeigte sich in Versuchen, dass eine N-Herbstdüngung nicht immer einen ökonomischen Mehrwert mit sich bringt. Sie kann aber für die sichere Vorwinterentwicklung in geringen Mengen (20 bis 30 kg N/ha) sinnvoll sein. Zudem wird im Herbst in bestimmten Situationen ausreichend Stickstoff aus dem Boden mineralisiert, was eine Stickstoffgabe obsolet macht. Um dies einschätzen zu können, wäre eine Nmin-Beprobung im Herbst sinnvoll. Wird die N-Düngung in diesen Kulturen im Herbst pauschal gegeben und wie vorgeschrieben im Frühjahr abgezogen, bleiben die Erträge in den Versuchen hinter denen einer reinen Frühjahrsdüngung zurück.
Nicht selten sind Engpässe in der Lagerkapazität ein Grund für die Ausbringung organischer Dünger im Herbst. Das ist pflanzenbaulich aber nicht immer sinnvoll. Die Nährstoff- und insbesondere Stickstoffausnutzung organischer Dünger ist im Getreide im zeitigen Frühjahr in der Regel höher, aber immer noch schlechter als die Ausbringung zu Sommerungen. Wenn überhaupt, dann kann eine Herbstausbringung flüssiger organischer Nährstoffträger bei guten Wachstumsbedingungen zu Winterraps und Zwischenfrüchten sinnvoll sein.
Gibt es Alternativen zur klassischen Herbstdüngung?
Seit einigen Jahren sind sogenannte Mikrogranulate verfügbar, mit denen geringe Nährstoffmengen ausgebracht werden. Weitere Maßnahmen wären Leguminosenvorfrüchte, die Strohräumung sowie die Schaffung zusätzlicher Lagerkapazitäten für Gülle.
Ein Ausschussmitglied setzt auf seinem Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich Mikrogranulate zur Förderung des Wurzelwachstums bei Winterraps ein. Dadurch wird die Jugendentwicklung verbessert und die Nährstoffaufnahme optimiert – und das bei Stickstoffmengen unter 10 kg/ha. Außerdem enthält das eingesetzte Granulat Phosphat.
Welche Rolle spielen andere Nährstoffe?
Oftmals ist nicht Stickstoff das Problem, sondern ein Ungleichgewicht in der Nährstoffversorgung der Grundnährstoffe.
Phosphor, Kalium, Magnesium und der pH-Wert des Bodens müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Durch Bodenanalysen lässt sich feststellen, ob der Mangel anderer Nährstoffe die Entwicklung der Zwischenfrüchte hemmt. Eine gezielte Grunddüngung kann den gewünschten Erfolg bringen. Denn je geringer die Versorgung mit Grundnährstoffen ist, desto mehr Stickstoff wird zum Erreichen des angestrebten Ertrags benötigt. Diese Wechselwirkungen zwischen den Nährstoffen müssen bei der Düngeplanung berücksichtigt werden. Gerade in einem trockenen Herbst oder bei geringer Boden-Phosphor-Versorgung ist die Unterfußdüngung mit Phosphor zum Beispiel im Raps eine gute Möglichkeit der Kompensation. Diese kann auf gering mit P versorgten Standorten sogar die Wirkung der Stickstoffdüngung im Herbst übersteigen, wie Versuche zeigen. Eine ganzheitliche Betrachtung der Nährstoffversorgung ist daher unerlässlich.
Eine effiziente Wirkung wird durch die Ablage nah am Saatkorn erreicht. Aufgrund der geringen Nährstoffmengen könnte die Gabe von Mikrogranulaten in aktuell durch die Düngeverordnung von einer Herbstdüngung ausgeschlossenen Kulturen wie Weizen sinnvoll sein. Hierfür sind jedoch belastbare Versuchsergebnisse erforderlich, die einen pflanzenbaulichen Mehrwert bei gleichzeitigem Umweltschutz belegen.
Bei Raps kann die Erfassung der N-Aufnahme des Bestandes am Ende der Vegetationszeit über mehrere Jahre dabei helfen, sich ein Bild von der Notwendigkeit einer N-Düngung zu machen – insbesondere, wenn man eine gedüngte mit einer ungedüngten Parzelle vergleicht.
Sobald Befahrbarkeit, Witterung und die Düngeverordnung es erlauben, sollte die Frühjahrsdüngung starten, um die Nährstoffverfügbarkeit frühzeitig zu Vegetationsbeginn sicherzustellen. Die Integration von Zwischenfrüchten mit hoher Nährstoffbindung kann zur Nährstoffkonservierung für die folgende Sommerung dienen.
Wie ist die Stickstoffdüngung bei Zwischenfrüchten zu bewerten?
Beim Zwischenfruchtanbau ist die Zielsetzung entscheidend. Will ich im Betrieb vordergründig den Humusgehalt erhöhen und die Bodenfruchtbarkeit sowie die -struktur verbessern, lässt sich durch eine gezielte Stickstoffgabe die Biomasseproduktion von Zwischenfrüchten deutlich steigern.
Eine geschlossene Bodenbedeckung schützt vor Erosion und Auswaschung. Außerdem kann nur ein sich gut und zügig entwickelnder Zwischenfruchtbestand zur Unkrautunterdrückung beitragen. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass durch Bodenbearbeitung mineralisierter Stickstoff freigesetzt wird, der ohne aktiven Pflanzenbestand verloren gehen kann. Ein nach einer Startdüngung vitaler Zwischenfruchtbestand nimmt diese Nährstoffe zuverlässig auf. Dafür sind aber nur geringe N-Mengen notwendig.
Bestimmte Zwischenfrüchte wie z. B. Ölrettich oder Tagetes werden gezielt zur Reduktion von Nematodenpopulationen eingesetzt. Damit diese ihre phytosanitäre Wirkung entfalten können, ist ein kräftiger und vitaler Bestand erforderlich – was wiederum eine ausreichende Nährstoffversorgung voraussetzt. In konservierenden Anbausystemen, bei denen auf eine Herbstbearbeitung verzichtet wird, ist die mikrobielle Aktivität und damit die Stickstoffnachlieferung aus dem Boden zunächst eingeschränkt.
Durch die in diesen Systemen frühere Aussaat der Zwischenfrüchte wird dies teilweise durch die bessere Entwicklung kompensiert. Hier kann eine Herbstdüngung helfen, die Nährstoffversorgung der Zwischenfrüchte sicherzustellen und deren Entwicklung zu fördern. Besonders geeignet für eine Herbstdüngung sind Zwischenfruchtmischungen ohne Leguminosen.
Auch Zwischenfrüchte, die als Futter genutzt werden sollen, müssen sich möglichst zügig etablieren. Eine ausreichende Stickstoffversorgung ist dabei entscheidend für die Ertragsbildung und die Qualität des Futters. Besonders bei frühen Saatterminen kann eine Herbstdüngung die Konkurrenzfähigkeit und die Nährstoffaufnahme verbessern.
Entscheidend für die Sinnhaftigkeit einer Düngung von Zwischenfrüchten ist die »Ernsthaftigkeit« des Anbaus. Das heißt, diese Maßnahme darf sich nicht nur an formalen Anforderungen orientieren, ohne ernsthaft agronomische Zielsetzungen zu verfolgen. Dies zeigt sich insbesondere dann, wenn Zwischenfrüchte lediglich ausgesät werden, um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, ohne dass deren Etablierung ernsthaft angestrebt oder eine tatsächliche positive Wirkung erwartet wird. So etwa in roten Gebieten, wenn die Ernte der Vorfrucht vor dem 1. Oktober erfolgt und die nachfolgende Sommerung gedüngt werden soll. Ein typisches Beispiel ist auch die sehr späte Aussaat nach der Hauptfrucht. In dem Fall kann sich eine Zwischenfrucht kaum noch ausreichend entwickeln. Das trägt weder zur Nährstoffbindung noch zur Verbesserung der Bodenstruktur bei.
Fazit
Die Stickstoffdüngung im Herbst erfordert eine betriebs- und jahresindividuelle Betrachtung. Pauschale Verbote oder Empfehlungen greifen zu kurz. Die Entscheidung muss situations-, standort- und kulturabhängig getroffen werden. Wichtig ist, dass sich die Betriebsleitung intensiv mit den Zielen und den standörtlichen Gegebenheiten beschäftigt und das Vorgehen an aktuelle (Witterungs-)Bedingungen anpasst.
Sinnvoll wäre eine Nmin-Beprobung in 0 bis 60 cm vor der Herbstaussaat. Denn nur wenn bekannt ist, wie viel mineralisierter Stickstoff im Boden vorhanden ist, kann eine fundierte Entscheidung über eine zusätzliche N-Düngung getroffen werden.
Im Rahmen der aktuellen Düngeverordnung lässt sich einiges praxisnah umsetzen – aber nicht alles. Auch in den roten Gebieten wäre mehr Flexibilität wünschenswert. Denn eine Herbstdüngung – egal, ob zu Raps oder Zwischenfrüchten – führt bei entsprechendem Wachstum der Kultur nachweislich nicht zu einer erhöhten N-Auswaschung. Eher das Gegenteil trifft zu.
Den potenziellen N-Bedarf von Herbstkulturen frühzeitig möglichst genau vorhersagen zu können wäre zielführend – scheitert aber mitunter an zu ungenauen langfristigen Witterungsprognosen. Hier müssen die Modelle noch besser werden.