Fleischersatz. Wirtschaftliche Chancen für uns
Es ist noch ein kleiner Markt, aber er wächst. In den kommenden Jahren rechnet Ivo Rzegotta in Deutschland mit Milliardenumsätzen. Aber wegen der langsamen Zulassung durch die EU und die hohen nationalen Hürden drohen die Unternehmen in die USA oder nach Ostasien abzuwandern. Verspielen wir da gerade eine Chance?
Burger auf Basis von Erbsenprotein, pflanzliche Milchalternativen aus Hafer und andere pflanzliche Ersatzprodukte sind heute in jedem deutschen Supermarkt erhältlich. Sie sind ein niedrigschwelliges Angebot für Verbraucher, die häufiger gesund und nachhaltig essen wollen, ohne auf liebgewonnene Mahlzeiten zu verzichten. Zukünftig werden diese pflanzlichen Optionen ergänzt um gänzlich neue Lebensmittel, wie etwa Fleischalternativen auf Basis von Pilzmyzel oder tierfreiem Käse auf Basis von Kasein, das mithilfe von Mikroorganismen hergestellt wurde. Die Zukunft der Ernährung wird vielfältiger sein als heute, und tierische Produkte werden genauso ihren Platz haben wie diese neuen Lebensmittel, ebenso Mischformen zwischen diesen Kategorien.
Deutschland ist ein Leitmarkt für pflanzliche Alternativen
Pflanzliche Alternativprodukte haben in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt, insbesondere in der Corona-Zeit, in der die Menschen häufiger selbst gekocht und sich bewusster mit Fragen der eigenen Ernährung auseinandergesetzt haben. Heute ist der Markt für pflanzliche Alternativprodukte in Deutschland rund 1,7 Mrd. € groß. Damit ist Deutschland in Europa eindeutig der Leitmarkt für alternative Proteine und auch einer der größten Märkte der Welt.
In einigen Unterkategorien sind diese Produkte schon im Massenmarkt angekommen. So beträgt der Marktanteil von Pflanzenmilch am gesamten Milchmarkt inzwischen etwa neun Prozent. In anderen Unterkategorien, wie etwa Käse und Fisch, steht die Entwicklung noch am Anfang und bewegt sich eher im niedrigen einstelligen Bereich.
Gegenüber der Corona-Zeit hat sich das Wachstum verlangsamt, aber trotz allgemeiner Wirtschaftskrise und Konsumzurückhaltung legt der Sektor in Deutschland weiter zu. Repräsentative Befragungen der Verbraucher zeigen auch Potential für weiteres Wachstum: 17 % der Menschen in Deutschland sagen, sie wollen künftig mehr pflanzliche Lebensmittel essen. 21 % geben an, mehr pflanzliche Optionen verzehren und gleichzeitig weniger tierische Produkte konsumieren zu wollen.
Die Nachfrage kommt weniger aus der Ablehnung von Fleisch- oder Milchprodukten, sondern vom bewussten Ersatz einzelner Mahlzeiten. Angetrieben wird das Wachstum dieses Marktes nicht etwa von Veganern oder Vegetariern, sondern von der wachsenden Gruppe der Flexitarier. Die essen grundsätzlich alles, greifen aber immer häufiger auch zu pflanzlichen Alternativen. Flexitarier machen in Deutschland 39 % der Bevölkerung aus, während die Gruppe der Veganer und Vegetarier gerade einmal fünf bis sieben Prozent umfasst. Und sie ist über die letzten Jahre auch nicht wirklich gewachsen.
Große Chancen für Deutschland
Neue Lebensmittel bergen ein enormes Potential für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Deutschland ist bestens aufgestellt, um in diesem Bereich die Innovationsführerschaft zu übernehmen. Denn die Verbraucher in Deutschland sind offen gegenüber diesen Lebensmitteln. Und auch viele Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe haben damit begonnen, ihr Geschäft zu diversifizieren und diese neuen Märkte in den Blick zu nehmen. Eine aktuelle Analyse des Beratungsunternehmens Systemiq zeigt erstmals umfassend, wie die Diversifizierung der Proteinversorgung zu Wachstum, neuen Arbeitsplätzen und zukunftsfähigen Wertschöpfungsketten in Deutschland beitragen kann. In einem ambitionierten Szenario könnten alternative Proteine bis 2045 entlang der gesamten Wertschöpfungskette 65 Mrd. € zur deutschen Wirtschaft beitragen – wenn sie hinreichende Unterstützung aus der Politik bekommen.
Auch für den Arbeitsmarkt ist das Potential erheblich: Zwischen 100 000 und 250 000 neue Arbeitsplätze könnten auf lange Sicht entlang der Wertschöpfungskette entstehen – vom Anbau von Leguminosen und anderen Eiweißpflanzen über die Herstellung von Maschinen zur Verarbeitung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse bis hin zu Tätigkeiten in Forschung, Verarbeitung und Logistik. Das Potential für die Landwirtschaft schätzt die Systemiq-Studie auf bis zu 40 000 neue Arbeitsplätze, wobei es mehr Forschung braucht, um dieses Potential besser erschließen zu können.
Ohne die aktive Einbindung der landwirtschaftlichen Betriebe wird es nicht gelingen, die Chancen dieser alternativen Proteinquellen zu heben. Der Anbau von Eiweißpflanzen für die Verarbeitung zu pflanzlichen Lebensmitteln kann Landwirten einen Zugang zu höherwertigen Märkten als dem Tierfuttermarkt verschaffen. Eine breitere Aufstellung kann den Landwirten dabei helfen, Abhängigkeiten und wirtschaftliche Risiken zu reduzieren. Zudem verbessern Eiweißpflanzen in der Fruchtfolge die Bodenqualität und binden Stickstoff, was nicht nur ökologisch sinnvoll ist, sondern langfristig auch Kosten senkt.
Ebenfalls große Möglichkeiten stecken darin, Nebenströme aus der Landwirtschaft besser zu verwerten, die bislang nur wenig Wertschöpfung erzeugen. Insbesondere moderne Verfahren wie die Präzisionsfermentation oder die Herstellung von Mykoprotein mithilfe von Pilzkulturen bieten die Chance, Neben- und Abfallprodukte wirtschaftlicher zu verwenden. Erste Forschungsprojekte prüfen sogar, wie sich Gras für Fermentationsverfahren verwenden lässt.
Trotz dieser vielversprechenden Ansätze stehen Landwirte vor erheblichen Hürden. Die Unsicherheit über die künftige Nachfrage macht Investitionen riskant, zumal langfristige Abnahmeverträge bislang selten sind. Auch fehlt es vielerorts an Verarbeitungsinfrastruktur, etwa an Proteinraffinerien oder Fermentationsanlagen, sodass die Wertschöpfung außerhalb der deutschen Landwirtschaft entsteht. Der internationale Wettbewerb setzt zusätzliche Grenzen: Billige Importe – insbesondere aus China – verschärfen den Preisdruck. Vielen Betrieben fehlt auch Erfahrung mit neuen Kulturen, und entsprechende Beratungsangebote sind noch nicht ausreichend verfügbar.
Ohne politische Unterstützung kommt der Sektor nicht voran. Damit das Potential für die deutsche Wirtschaft und auch für die Landwirtschaft tatsächlich genutzt werden kann, braucht es politische Unterstützung. Öffentliche Investitionen in Forschung und Entwicklung sind entscheidend, um Produkte zu schaffen, die geschmacklich, ernährungsphysiologisch und technologisch überzeugen.
Ebenso wichtig ist der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten, die Landwirte, Verarbeiter und Hersteller systematisch vernetzen. Dazu gehören regionale Koordinatoren, die Kooperationen aufbauen und verstetigen. Darüber hinaus braucht es gezielte Anreize, etwa durch Schulungen, Pilotprojekte, Investitionshilfen und Beratungsangebote, die Landwirten den Einstieg erleichtern.
Trotz der grundsätzlich positiven Aussichten hat der Sektor auch technische und kommunikative Herausforderungen: Zum einen sind all diese Technologien noch in einem frühen Entwicklungsstadium, und in vielen Produktkategorien können die meisten Produkte noch nicht mit den tierischen Pendants mithalten im Hinblick auf Geschmack und Textur. In den meisten Kategorien sind sie auch noch deutlich teurer, da die Herstellung noch nicht skaliert ist.
Standpunkt
Drei Forderungen an Berlin
Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag das Ziel formuliert, die Entwicklung und Markteinführung nachhaltiger alternativer Proteine zu fördern. Damit Deutschland seinen Wettbewerbsvorteil in diesem aufstrebenden Bereich nicht verspielt, sollte dieses Bekenntnis jetzt in konkrete Maßnahmen übersetzt werden:
- Erstens sollte die Politik die im vergangenen Jahr angekündigte Proteinstrategie weiter voranbringen und darin alle Fragen rund um das Thema aufgreifen, auch die Rolle der Landwirtschaft.
- Zweitens sollte sie stärker in den Sektor investieren, insbesondere in die weitere Verbesserung der Produkte, und die angekündigten Haushaltskürzungen in diesem Bereich zurücknehmen.
- Drittens sollte sie wettbewerbsverzerrende Markteingriffe wie die in Brüssel diskutierten Bezeichnungsverbote für Fleischalternativen ablehnen, da diese deutsche Verbraucher, Unternehmen und Landwirte gleichermaßen schädigen würden.
Diese Herausforderungen können bewältigt werden, doch es braucht noch mehr Forschung und Forschungsförderung. Denn für den Massenmarkt werden diese Lebensmittel erst interessant, wenn sie mindestens gleich gut schmecken wie ihre tierischen Pendants und wenn sie maximal gleich teuer sind. Bislang bewegt sich Deutschland bei der Forschungsförderung im europäischen Vergleich eher im Mittelfeld: In den letzten fünf Jahren zusammen hat Deutschland insgesamt 68 Mio. € investiert, um diese Technologien voranzubringen. Mit weniger als einem Euro pro Bundesbürger liegt Deutschland damit nur auf dem siebten Platz bei der Forschungsförderung. Zum Vergleich: Dänemark hat im gleichen Zeitraum zwanzig Euro pro Bürger investiert, Großbritannien sechs Euro.
Die Zulassung neuer Lebensmittel dauert zu lange
Im Fall von gänzlich neuen Lebensmitteln, wie etwa tierfreiem Käse aus Fermentation und Fleischalternativen aus dem Wurzelgeflecht von Pilzen, kommt noch hinzu, dass diese häufig noch nicht für den Verzehr zugelassen sind. Das Zulassungsverfahren ist auf der EU-Ebene angesiedelt und gilt als das gründlichste Verfahren weltweit. Grundsätzlich ist es gut geeignet, um Innovation und Lebensmittelsicherheit miteinander zu vereinen, aber in der Praxis ist es nicht effizient genug und dauert daher länger als in anderen Weltregionen. In der Folge planen viele europäische – auch deutsche – Unternehmen den Markteintritt nicht in Europa, sondern zum Beispiel in Singapur oder den Vereinigten Staaten.
Wie überzeugt man die Verbraucher?
Eine weitere Herausforderung: Viele Verbraucher zögern noch, häufiger zu pflanzlichen Alternativen zu greifen, weil sie Bedenken hinsichtlich der Nährwerte und Zutatenlisten haben. Dabei sind diese Produkte deutlich besser als ihr Ruf. Die weit verbreitete Wahrnehmung pflanzenbasierter Optionen als hochverarbeitete Lebensmittel beruht auf vereinfachenden Klassifikationen wie dem NOVA-Score (der bestimmt, wie sehr ein Lebensmittel verarbeitet ist). Diese Klassifikation lässt außen vor, dass viele dieser Produkte positive ernährungsphysiologische Eigenschaften haben. Zum Beispiel enthalten pflanzliche Fleischalternativen viele Ballaststoffe und schneiden bei Salz und Zucker nicht schlechter ab als ihre tierischen Pendants.
Zudem werden die pflanzlichen Alternativen immer besser. Durch den Einsatz von Verfahren wie Fermentation und durch die Anreicherung mit Nährstoffen gelingt es den Unternehmen immer mehr, die Zutatenlisten zu verkürzen und die Nährwerte der Produkte zu verbessern.
Wie eine politische Unterstützung aussehen könnte, hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundeslandwirtschaftsministerium skizziert. Dieser hatte im Juli ein Gutachten zu Alternativprodukten vorgestellt. Darin sprechen sich die Mitglieder des Beirats für einen ideologiefreien Diskurs aus, in dem pflanzliche, fermentationsbasierte und kultivierte Alternativprodukte genauso einen Platz auf dem »gemeinsamen Tisch« haben sollten, wie pflanzliche Vollwertkost und herkömmliche tierische Produkte.
Das WBAE-Gutachten liefert eine Blaupause dafür, wie zentrale Barrieren auf dem Weg zur Marktreife dieser neuen Lebensmittel beseitigt werden können. Es betont, dass es mehr öffentliche Forschungsförderung brauche, um das volle Potential dieser Technologien zu heben. Zudem unterstreicht das Gutachten, dass der Zulassungsprozess in der EU ein Innovationshemmnis sein kann: Er dauert zu lange und ist zu teuer. Daher empfehlen die Gutachter unter anderem, Unternehmen bei der Erstellung von Zulassungsanträgen stärker zu unterstützen.
Fazit
Deutschland steht an einem entscheidenden Punkt, um sich als Leitmarkt für pflanzliche Lebensmittel und andere alternative Proteinquellen zu positionieren. Dafür braucht es aber entschlossenes politisches Handeln, um Forschung, Investitionen und Wertschöpfungsketten gezielt zu fördern und so die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft des Standorts langfristig zu sichern.