Unternehmensnachfolge. Wer will, wer kann, wer soll?
Die Hofübergabe ist ein bedeutender Schritt und bei Familienbetrieben mehr als ein wirtschaftlicher Vorgang. Es ist zugleich ein tiefgreifender emotionaler Veränderungsprozess, wie Christine und Kay Tönnsen zeigen.
Was die Nachfolge besonders herausfordernd macht, ist die Einzigartigkeit. Jeder Betrieb hat seine eigene Geschichte, jeder Inhaber individuelle Beziehungen und jede Familie ihre eigenen Dynamiken. Im besten Fall durchlaufen Unternehmer diesen Prozess in ihrer aktiven Zeit zweimal in unterschiedlicher Rollenverteilung. Es lässt sich also nicht üben. Umso wichtiger ist eine gute Vorbereitung, ausreichend Zeit und das Wissen um die besonderen Herausforderungen. Selbstverständlich gibt es vonseiten der Fachberatung Leitfäden und Anhaltspunkte, um die Nachfolge strukturiert und erfolgreich zu gestalten. Nutzen Sie diese, beachten aber, dass es ein allgemeingültiges Schema nicht geben kann. Mangelnde Individualität und eine Überbetonung des Steuerrechtes zählen neben dem Faktor Mensch zu den zentralen Problemen beim Generationswechsel.
Faktor Mensch
Bevor man voller Enthusiasmus und Tatendrang an die zentralen Fragestellungen herangeht, ist es hilfreich, sich mit dem Faktor Mensch auseinanderzusetzen. Die menschliche Ebene einer Betriebsnachfolge entzieht sich klaren Regeln – sie wird geprägt durch Intuition und Lebenserfahrung.
Im Zentrum stehen soziale und persönliche Faktoren: von tief verankerten Werten und Idealen über individuelle Motive und Wahrnehmungen bis hin zu Rollen, Erwartungen und Hoffnungen. Auch (unterschwellige) Ängste und Sorgen spielen unter Umständen eine große Rolle. Während ökonomische, rechtliche und strategische Fragen geklärt werden, läuft diese emotionale Ebene immer mit und bringt die Beteiligten teilweise an ihre Grenzen. Bevor wir uns den klassischen Dynamiken bei der Hofnachfolge zuwenden, ist es wichtig, dass wir uns das menschliche Verhalten bewusst machen.
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Bewusstsein schärfen
Wie funktionieren wir? Wo liegen die Knackpunkte im menschlichen Verhalten? Betrachten wir das Wahrnehmen, Denken und Entscheiden, unterliegen wir oft dem Trugschluss, dass unser Verhalten überwiegend bewusst erfolgt und zumeist rational begründet ist.
Die Wissenschaft lehrt uns das Gegenteil: Unsere Verhaltenssteuerung erfolgt zu über 80 % unbewusst. Unbewusst heißt nicht willkürlich, sondern emotional begründet auf Basis unserer Erfahrungen, Werte, Bedürfnisse, Einstellungen, Gefühle und Interpretationen. Das Eisbergmodell nach Freud erklärt dies sehr anschaulich. Nur die Spitze eines Eisberges ist sichtbar, der weitaus größere Teil verbirgt sich unterhalb der Wasseroberfläche. Dies gilt auch für unsere Verhaltenssteuerung und erklärt intuitives Verhalten, unser Bauchgefühl und auch, warum wir bei erlernten Fähigkeiten wie z. B. dem Autofahren kaum nachdenken müssen. Es läuft wie beim Autopiloten automatisch. Und das ist auch gut so, denn unser Gehirn wäre überhaupt nicht in der Lage, alle gleichzeitig mit der Entscheidungsfindung ablaufenden Abwägungsprozesse vollständig und umfassend zu durchdenken.
Es ist wichtig zu wissen, dass unsere Gefühle deutlich schneller sind als der Verstand. Immer, wenn wir innere Widerstände spüren, Gespräche und Entscheidungen in Bezug auf die Sachfragen herausfordernd werden, gilt es bei sich und den anderen Beteiligten, zu reflektieren, um so den unbewussten Anteil zu ergründen. Oft gibt es auch widersprüchliche Empfindungen, was es nicht einfacher macht. Die anspruchsvolle Aufgabe lautet: Erstens herauszufinden, was ich als Mensch fühle, was ich brauche, was mir wichtig ist und wovor ich mich sorge. Im Sinne: Was ist bei mir wirklich los? Und zweitens dieses auch anderen gegenüber mitzuteilen.
Ein geeigneter Gesprächspartner kann helfen, das eigene Denken zu hinterfragen und neue Perspektiven zu gewinnen. Externe Impulse, gezielte Fragen oder eine moderierende Begleitung sind dabei wertvolle Hilfestellungen.
Zwei Perspektiven
In der Praxis geht es bei der Unternehmensübergabe um den Balanceakt zwischen Abschied und Neubeginn sowie Vertrauen, Verantwortung und Weitsicht im Hinblick auf den Familienfrieden. Auf der Seite der Übergeber ist oft das Loslassen die Hürde. Sie wollen ihr Lebenswerk in den richtigen Händen wissen und sehen sich mit dem bevorstehenden Abschied konfrontiert. Für Unternehmer, die über Jahrzehnte ihren Betrieb aufgebaut und geführt haben, ist der Schritt vom aktiven Gestalten hin zu einer beratenden oder vollständig zurückgezogenen Rolle nicht einfach. Der Hof ist oft untrennbar mit der eigenen Identität verbunden, die Vorstellung von Bedeutungs- und Kontrollverlust führt zu unguten Gefühlen, Bedenken und Unsicherheit. Vor allem dann, wenn nicht geklärt ist, welche neuen Aufgaben im Anschluss warten könnten.
Für viele Hofnachfolger ist die Übernahme ebenfalls mit Erwartungsdruck und Unsicherheit verbunden. Auf der einen Seite steht die Chance, den Betrieb in die Zukunft zu führen und die eigenen Ideen zu verwirklichen. Auf der anderen die Zweifel, den Ansprüchen nicht zu genügen oder Bedenken, der Gesamtverantwortung nicht gerecht zu werden. Unsicherheit lähmt, hier braucht es Mut und Zuversicht, ein zukunftsfähiges Konzept zu entwickeln, was von allen Beteiligten mitgetragen wird.
Weitere Akteure
Zudem spielen weitere Personen eine entscheidende Rolle im Übergabeprozess. Geschwister, Ehe- oder Lebenspartner haben natürlich eigene Erwartungen und möchten ebenso gehört werden. Ihre Perspektiven und Anliegen können den Prozess beeinflussen. Für viele Geschwister ist die Hofübergabe mit empfundenen Ungerechtigkeiten verbunden. Der Betrieb soll fortgeführt und erhalten werden, gleichzeitig geht es auch um eine angemessene monetäre oder sachliche Abfindung für den geleisteten Verzicht. In diesem Moment geht es häufig um Wertschätzung und Vermögen, aber auch um Verantwortung und Risiko.
Da in der Regel nur eines der Kinder den Betrieb fortführen kann und soll, muss darüber gesprochen werden, welche Möglichkeiten für die Abfindung zur Verfügung stehen. Im Hinblick auf die Wahrung des Familienfriedens empfiehlt es sich, dies frühzeitig in die Gestaltung der Übergabe einzubeziehen. Indem Familienunternehmen frühzeitig und transparent und unter professioneller Moderation klären, wer das Unternehmen übernehmen kann, wer es übernehmen will und wer es übernehmen sollte, lassen sich Konflikte vermeiden und die wirtschaftliche Zukunft sichern.
Sorgen deutlich formulieren
Ein Unternehmer möchte seinen Betrieb an seinen Sohn übertragen. In einigen Terminen wurden bereits weitere Themen wie Altenteil, Wohnsituation oder die Abfindung der weichenden Erben unter Moderation besprochen und Lösungen entwickelt. Im Verlauf des Moderationsprozesses wurde dem Übergeber bewusst, dass der Zeitpunkt der Hofübergabe naht und dass es konkret wird.
In diesem Moment stellte der Überlasser unerwartet die Frage, ob sein Sohn überhaupt der richtige Nachfolger sei. Dem Moderator wurde angetragen, die Frage in den Raum zu bringen, ob nicht doch ein anderes der insgesamt vier Kinder besser geeignet wäre. Dies löste beim potenziellen Übernehmer eine emotionale Achterbahnfahrt aus und er stellte infrage, ob er den Betrieb überhaupt noch übernehmen möchte. Dem Vater war unmittelbar gar nicht bewusst, welche Situation er mit der Frage erzeugt hatte. Durch wertschätzendes Nachfragen kam beim Vater zum Vorschein, dass er Angst hatte, in wenigen Wochen tatsächlich loszulassen und aus seiner bisher über 30-jährigen Rolle herauszutreten. Für ihn tauchten bewegende Fragen – wie wird es dann sein und was bin ich dann noch wert – auf. Zudem schwang eine weitere Sorge beim Vater mit, da für ihn nicht klar war, ob sein Sohn den Betrieb eventuell von konventionell auf ökologische Bewirtschaftung umstellen werde. Hinter dieser Sorge lag das Bedürfnis des Vaters nach Sicherheit, Stabilität und Beständigkeit, denn er hatte maßgeblich Angst, dass sein Sohn nach einer Umstellung nicht genügend Geld verdienen würde. Diese Aspekte tauchten aus dem unsichtbaren Anteil des Eisberges beim Vater plötzlich auf und entluden sich in der Frage, ob sein Sohn der richtige sei, zumal die Frage zu Beginn des Prozesses eindeutig mit ja beantwortet wurde.
Das Loslassen und das Vertrauen fallen der abgebenden Generation in der Regel schwer. Auch dieses sollte anerkannt und nicht abgewertet werden, da sich die Eltern das nicht ausdenken, sondern es für sie in dem Moment auch ihre wahrhaftige Wahrnehmung ist und dementsprechend ernstgenommen werden muss.
Das Gefühl der Ungerechtigkeit thematisieren
Der Betrieb ist in der Höfeordnung und der Hofnachfolger hat zwei Geschwister, die laut § 12 Abfindung der Miterben nach dem Erbfall abgefunden werden sollen. Der Betrieb hat einen Grundsteuerwert von 1,5 Mio €. Der sich daraus ergebene Hofeswert (60 % vom zuletzt festgestellten Grundsteuerwert, also 900 000 €) gilt als Grundlage für die Berechnung der Abfindung, da mindestens 1/5 des Hofeswertes (180 000 €) als Nachlass den Erben inklusive des Hofübernehmers gebührt. Das bedeutet, dass jedem Kind 60 000 € als Abfindung mindestens zur Verfügung stehen sollten. Die weichenden Erben befinden sich häufig in einer emotionalen Situation, die von einem Gefühl der Ungerechtigkeit geprägt ist, da der Verkehrswert meist deutlich höher ist.
Wichtig ist, dass der Betrieb die Abfindungssumme (hier 180 000 €) auch erbringen muss und der Übernehmer neben dem Kapitaldienst, dem Altenteil, den Investitionen und dem eigenen Gewinnanspruch die Verantwortung für die Abfindung trägt. Häufig wird diskutiert, dass der Übernehmer den Betrieb geliehen bekommt und ihn bestenfalls an seine Kinder weitergeben sollte. Am Ende kann eine Hofübergabe aus Sicht der weichenden Erben rein wertebasiert nicht gerecht sein. Für die Geschwister bedeutet es, dieses Werteungleichgewicht zu akzeptieren und gleichermaßen dem Übernehmer ihr Vertrauen für die Fortführung des Betriebes auszusprechen, zumal weitere Verzichtserklärungen unterzeichnet werden.
Fazit
Die besten Nachfolgeregelungen sind jene, die strategisch durchdacht, interessengerecht und steuerlich optimiert sind. Wer sich rechtzeitig mit diesen Fragen auseinandersetzt, kann nicht nur das Unternehmen erfolgreich weitergeben, sondern auch den familiären Zusammenhalt bewahren. Die rechtlichen und steuerlichen Aspekte einer Hofübergabe sind bedeutsam und relevant, keine Frage. Den zwischenmenschlichen Aspekten aber wird häufig nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und den steuerlichen Betrachtungen untergeordnet. Sich der emotionalen Seite widmen zu können, braucht Mut, Zeit und Unterstützung. Häufig kommen nach erfolgter Übergabe ungeklärte zwischenmenschliche Themen zum Vorschein, die Konfliktpotential beinhalten können. Der Prozess der Hofübergabe braucht Ruhe und Geduld, aber auch einen klaren Fokus und die Offenheit aller Beteiligten.