Färsenaufzucht. Nicht mehr als 6 Ct/kg ECM
Die Jungrinderaufzucht ist ein Kostenfaktor, der in vielen Betrieben im Fokus steht: auslagern oder nicht? Wie intensiv muss sie sein? Was darf sie kosten? Stefan Weber sagt, wie Sie kalkulieren sollten.
In vielen Betrieben geht die Entwicklung der Milchproduktion zulasten der Jungrinderaufzucht. Diese wird entweder auf das notwendige Mindestmaß zurückgefahren oder sie wird ganz oder teilweise ausgelagert. Darüber hinaus gibt es auch Betriebe, die in der Lage sind, Zuchtrinder oder abgekalbte Jungkühe zu verkaufen. Es gibt also unterschiedliche Strategien, die alle wirtschaftlich funktionieren können. In Abhängigkeit verschiedenster Einflussgrößen können die Reproduktionskosten von unter 4 Ct bis zu mehr als 10 Ct /kg ECM variieren. Die Jungviehaufzucht ist ein durchaus kostspieliger Prozess in der Milchproduktion, von der Qualität der Aufzucht und des Tiermaterials ganz zu schweigen. Daraus leiten sich verschiedene Fragen ab:
- Wo liegen die Produktionskosten in der Milch aktuell?
- Welche Marktpreise werden für Jungkühe erzielt?
- Wo liegen die betriebsindividuellen Aufzuchtkosten?
- Eigene Jungviehaufzucht, in Dienstleistung aufziehen lassen oder zukaufen?
- Welche Variante der Reproduktion kommt infrage?
Wo liegen die Produktionskosten der Milch aktuell?
Bei Betrachtung der Produktionskennwerte der Gruppe der DLG-Spitzenbetriebe der vergangenen drei Jahre fällt auf, dass die Ergebnisse zu Tierverlusten, Reproduktionsrate und Milchleistung auf einem insgesamt hohen Niveau liegen. Durch die hohen Milchauszahlungspreise bis Ende 2022 konnten erfreulicherweise sehr gute wirtschaftliche Ergebnisse erzielt werden. Anfang 2023 sind die Milchpreise wieder sehr schnell gefallen. Die gleichermaßen gestiegenen Kosten sind – wie erwartet – weitestgehend gleich geblieben. Die Produktionskosten sind innerhalb von zwei Wirtschaftsjahren auf aktuell 48,53 Ct/kg ECM angestiegen und liegen damit nun 16,7 % über dem Niveau von 2021. Am stärksten schlagen die Kraftfutterkosten mit einem Mehr von 36 % und die Personalkosten mit einem Plus von 19,3 % zu Buche. Die wesentlichsten Ursachen sind sicher der Ukrainekrieg, die Energiekrise und die Mindestlohnerhöhung. Auch wenn zu hoffen bleibt, dass die Kostenstruktur sich insbesondere bei den Futterkosten wieder etwas relativieren wird, sind die absoluten durchschnittlichen Kostensteigerungen in nur zwei Jahren erschlagend. Um diese zu kompensieren, fehlen die Möglichkeiten in der Produktion. Der Milchmarkt muss sich auf ein langfristig deutlich höheres Niveau einstellen. Sicher ist, dass die gestiegenen Personal-, Energie- und Technikkosten nicht wieder fallen, sondern weiter ansteigen werden. Beispiele für die gestiegenen Kosten der DLG-Spitzenbetriebe zwischen 2021 und 2023 sind:
- Konzentratfutterkosten: + 385 €/Kuh,
- Kosten für Tierarzt, Medikamente und Besamung: + 32 €/Kuh,
- Direktkosten: + 556 €/Kuh,
- Personalkosten: + 140 €/Kuh,
- Produktionskosten je Kuh: + 784 €/Kuh.
Welche Marktpreise werden für Jungkühe erzielt? Zur Orientierung für die eigene Jungviehaufzucht und die entsprechenden Kosten sollten die Preisentwicklungen auf dem Zuchtviehmarkt beobachtet werden. In Übersicht 1 sind die durchschnittlichen Auktionspreise von abgekalbten Jungkühen verschiedener Verbände an unterschiedlichen Auktionsterminen dargestellt. Wenngleich Spitzenpreise in der Hochpreisphase im Januar 2023 von über 2 500 € erzielt wurden, haben die Preise bis Juli 2024 nachgegeben. Sie liegen jedoch immer noch mit durchschnittlich 2 297 € auf einem hohen Niveau. Bei einem mittleren angenommenen EKA von 26 Monaten betragen demzufolge die Kosten je Monat 88 €. Je Haltungstag sind das immer noch 2,94 €.
Wie hoch fallen bei derartigen Kosten die Reproduktionskosten aus?
Für einen Milchproduktionsbetrieb mit einer Marktleistung von beispielsweise 10 000 kg Milch je Kuh und einer Reproduktionsrate von 33 % würden die Kosten der Reproduktion bereits bei 7,6 Ct je kg ECM Milch liegen. Die Reproduktionskosten je kg ECM fallen aber in vielen Betrieben sogar noch höher aus. Sie sind also eine ernst zu nehmende Kostenstelle, die besonders hinterfragt gehört, wenn die Aufzucht im geschlossenen System selbst organisiert wird. Es gibt verschiedene Gründe für hohe Reproduktionskosten. Zu den wichtigsten Ursachen gehören:
- zu hohe Merzraten bei Kühen und vor allem bei Jungkühen,
- hohe Reproduktionsrate,
- hohes Erstkalbealter,
- hohe Futterkosten,
- mäßige Milchleistungen und
- hohe Personal- und Gemeinkosten.
Als Richtwert und Orientierungsgröße sollten 6 Ct/kg ECM und weniger für Reproduktionskosten angesetzt werden. In Übersicht 2 wird deutlich, welche betriebliche Konstellation ausreicht bzw. wo Kosten von 7 Ct und mehr je kg ECM anfallen, die eine wirtschaftliche Produktion nur schwer zulassen. Das Problem ist jedoch, dass die meisten Betriebsleiter die eigenen Reproduktionskosten nicht kennen. Hinzu kommt, dass kleine und große Defizite in der Aufzucht und der Integration in die Herde schnell zu hohe Tierverluste verursachen. Die unfreiwilligen Jungkuhabgänge dürfen nicht zum Problem werden, denn diese mögliche Baustelle macht den mitunter allergrößten finanziellen Verlust aus. Der Anteil an unfreiwilligen Jungkuh-abgängen an der Gesamtzahl an Kuhabgängen sollte unter 15 % liegen. Dieser Wert ist über ein gutes Managementprogramm schnell zu ermitteln und kann als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, um die unnötigen und schmerzlichen Jungkuhverluste zu reduzieren.
Eigene Jungviehaufzucht oder in Dienstleistung aufziehen lassen?
Einzelbetrieblich ist es also an der Zeit, die Kosten der Jungviehaufzucht zu kalkulieren und an geänderte betriebliche Verhältnisse anzupassen. Dies gilt natürlich auch für die Betriebe, die in Dienstleistung für andere die Jungviehaufzucht betreiben. Nachfolgend sollen beispielhaft für zwei Varianten die Kosten kalkuliert werden. Relativ einfach können mithilfe eines derartigen Schemas die individuellen Verhältnisse und Kosten erfasst und ausgewertet werden. Erst dann liegt eine objektive Grundlage für mögliche Entscheidungen oder Veränderungen vor.
Zunächst wird anhand von Variante 1 die eigene Jungviehaufzucht im geschlossenen System kalkuliert, ein Erstkalbealter von 24 Monaten wird unterstellt. Unabhängig vom System der Jungviehaufzucht (JVA) machen die Futterkosten mit über 60 % den größten Anteil an den Produktionskosten aus, wobei die Grobfuttermittel am stärksten zu Buche schlagen. Sie wurden unter Berücksichtigung der monetären Bewertung eingesetzter Wirtschaftsdünger kalkuliert. Für die Maissilage wurden zusätzlich auch geringe Opportunitätskosten berücksichtigt. Demzufolge wurden für die Grassilage 6,40 €/dt organische Substanz (OS) und für die Maissilage 4,80 €/dt OS angenommen. Unterstellt wurde eine praxisübliche Düngung in der Kombination von Mineraldünger und wirtschaftseigenen Düngern. In vielen Betrieben fallen die Produktionskosten, insbesondere für Grassilagen und abhängig von den stark variierenden Flächenkosten, höher aus. Fütterungsseitig wurde die Kombination von Gras- und Maissilage im ersten Lebensjahr und eine ausschließliche Fütterung mit Grassilage im zweiten Lebensjahr zugrunde gelegt, um über eine angepasste Energieversorgung keine Überkonditionierung der Färsen zu riskieren.
Unter Berücksichtigung von Tierarzt-, Besamungs- und sonstigen Direktkosten ergibt das alles bereits 1 436 €/Tier. Im Bereich der anspruchsvolleren Arbeitserledigung werden im Mittel etwa 1,5 Arbeitskraftminuten (AKmin) je Tier und Tag unterstellt. Für die eigenen JVA fallen über 24 Monate Aufzucht 18 Arbeitskraftstunden (AKh) je Tier an. Bei einem Bruttostundenlohn von 17 € (inklusive Arbeitgeberanteile) belaufen sich die Personalkosten auf 306 € je Tier. Hinzu kommen anteilige Kosten der sonstigen Arbeitserledigung für Maschinen der Innenwirtschaft, Gebäudekosten und anteilige Kosten sonstiger Betriebsaufwendungen. In Summe sind die Produktionskosten inkl. 2 % Tierverluste 2 066 € je Färse. Die Kosten je Haltungstag liegen bei etwa 2,87 €.
Aufzucht durch Dienstleister
Variante 2 beschreibt das Verfahren der JVA in Dienstleistung. Hierbei ist jedoch unterstellt, dass die Jungrinder ab dem fünften Lebensmonat vom Aufzuchtbetrieb übernommen und bis zum 23. Lebensmonat, also 18 Haltungsmonate, aufgezogen werden. Kosten für die Bestandsergänzung oder den Zukauf fallen demzufolge nicht an. Die Modalitäten bzw. die Rechte und Pflichten beider Parteien sollten grundsätzlich vertraglich vereinbart und festgehalten werden. Die Fütterungsintensität ist gleichermaßen intensiv wie zur Variante 1 unterstellt, im ersten Lebensjahr wird unter Nutzung von Maissilage und Kraftfutter intensiv gefüttert. Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Jungrinder ausschließlich mit Grassilage versorgt. Ebenso werden wie in Variante 1 anteilige Direkt-, Arbeitserledigungs- und Gemeinkosten erfasst. Insgesamt belaufen sich die Kosten der Jungviehaufzucht in Dienstleistung auf 1 345 €/Tier bzw. 2,50 € je Haltungstag. Wichtig ist hierbei zu berücksichtigen, dass die sehr intensive und teure Kälberaufzucht der ersten vier Monate und die letzten beiden Monate vor der Abkalbung für den Milchproduktionsbetrieb zusätzlich bleiben und in dieser Kalkulation nicht berücksichtigt wurden.
Anzahl der Jungrinder anpassen.
Eine möglichst optimal ausgerichtete Jungviehaufzucht legt die Grundlage für eine möglichst rentable Milchproduktion. Sie verursacht gerade jetzt bei deutlichen Preissteigerungen einen erheblichen Kostenanteil in der Milchproduktion. Daher muss die Anzahl der notwendigen weiblichen Jungrinder an die betriebsindividuell mögliche Reproduktionsrate angepasst werden. Klar ist auch, dass die Aufzuchtkosten deutlich höher als in den Vorjahren ausfallen. Die betriebsindividuelle Nachjustierung der Kosten ist notwendig, um für die Anpassung notwendiger Veränderungen eine objektive Entscheidungsgrundlage zu haben (Übersicht 3).
Welche Variante der Reproduktion kommt infrage? Ob es nun die Reduzierung des Jungrinderbestands auf das notwendige Mindestmaß, die Anpaarung mit Fleischbullen oder gar die komplette Auslagerung der Jungrinderaufzucht ist – alles ist möglich und erlaubt! Das Ziel jedoch, eine funktionierende Reproduktion bzw. einen Richtwert von 6 Ct/kg ECM für Reproduktionskosten zu erreichen, sollte für alle das gleiche sein! Welche dieser Varianten der Reproduktion infrage kommt, hängt von den betriebsindividuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten ab. Grundvoraussetzung ist, dass die bereits erreichte bereinigte Reproduktionsrate eine derartige Ausrichtung überhaupt erlaubt.
Unabhängig von dem Verfahren sollte jeder Landwirt im Bilde über die Kosten seiner Jungviehaufzucht sein, spätestens wenn es um notwendige Veränderungen oder gar um eine Auslagerung geht.