aufgrund einer bestimmten Motivstruktur
getroffen. Foto: Landpixel
Entscheidungen. Was uns antreibt
Unsere Entscheidungen folgen nicht nur dem Verstand. Dahinter stehen tief verankerte Motive, die unser Verhalten prägen – oft unbewusst. Wer sie kennt, kann die eigenen Stärken gezielter einsetzen, Konflikte besser verstehen und den Betrieb bewusster führen, sagt Katja Ihde.
Jeden Tag fällen wir Entscheidungen. Manchmal rational, manchmal intuitiv. Und oft sind uns die eigentlichen Beweggründe für oder gegen eine Entscheidung gar nicht bewusst. Und doch können zwei Menschen dieselbe Entscheidung aus völlig unterschiedlichen Motiven treffen.
Einige Beispiele aus dem Betriebsalltag verdeutlichen das. So kann die Entscheidung für einen Melkroboter auf ganz unterschiedlichen Motiven beruhen. Für den einen Betriebsleiter stehen höhere Gewinne und damit materielle Sicherheit im Vordergrund, beim nächsten ist es der Gewinn an Zeit, die sich für Familie oder Hobbys nutzen lässt. Ein anderer wiederum fällt diese Entscheidung, um sich körperlich zu entlasten.
Auch hinter dem Wunsch, den Betrieb zu vergrößern, können ganz unterschiedliche innere Antriebskräfte stehen. Für den einen zählt wirtschaftlicher Erfolg und Anerkennung, für den anderen die Freude am Wettbewerb oder die Bereitschaft, bewusst Risiken einzugehen. Die Entscheidung, (weitere) Mitarbeiter einzustellen, wird ebenfalls von persönlichen Motiven beeinflusst. Gleiches gilt für die Frage, ob jemand Freude an strategischer Betriebsentwicklung hat oder lieber möglichst viel praktische Arbeit übernimmt.
Allen Beispielen gemeinsam ist: Nicht das Verhalten entscheidet über die Motivation, sondern der Beweggrund dahinter. Unterschiedliche Motive können zum gleichem Ergebnis führen – und genau darin liegt der Ansatz der Motiv-Struktur-Analyse.
Diese grundlegenden Motive gelten als vergleichsweise stabil. Sie sind zu einem großen Teil angeboren, prägen Menschen oft über Jahrzehnte hinweg und beeinflussen Entscheidungen, Ziele und das tägliche Handeln – meist unbewusst.
Für Landwirte und ihre Mitarbeiter kann das Wissen um die eigene Motivstruktur besonders wertvoll sein. Landwirte müssen nicht nur fachlich kompetent sein, sondern auch strategisch handeln, Entscheidungen treffen und oft auch Mitarbeiter führen. Die eigene Motivstruktur beeinflusst dabei maßgeblich, wie diese Aufgaben wahrgenommen und umgesetzt werden.
Die Motiv-Struktur-Analyse (MSA) hilft, diese individuellen Ausprägungen sichtbar zu machen. Häufig wird sie durch einen schriftlichen Test in Coachings angewendet. Sie liefert kein »richtig« oder »falsch«, sondern ein differenziertes Bild der eigenen Persönlichkeit. Die Motivstruktur bringt unterschiedliche Stärken und mögliche Herausforderungen mit sich. Der Nutzen liegt auf der Hand: Wer seine Motive kennt, kann bewusster handeln.
Doch wie macht die MSA diese Motive überhaupt sichtbar? Die MSA basiert auf der Annahme, dass menschliches Verhalten maßgeblich durch unbewusste, emotional von innen heraus wirkende (intrinsische) Grundmotive gesteuert wird. Sie unterscheidet 18 Grundmotive – darunter Wissen, Ordnung, Freiheit, Status, Beziehung oder materielle Sicherheit.
Alle Grundmotive sind bipolar angelegt: Das bedeutet praktisch, dass wir immer zwei motivationale »Gegenspieler« in uns haben, die für einen komplementären Ausgleich sorgen. Im Motiv Beziehung beispielsweise lauten die »Gegenspieler« kontaktfreudig und distanziert. Im Motiv Ordnung strukturiert und flexibel. Im Motiv Wissen stehen sich Intellektualität und Pragmatismus gegenüber.
Ein Landwirt mit einem starken Leistungsmotiv wird beispielsweise dazu neigen, hohe Standards zu setzen, kontinuierlich nach Verbesserung zu streben und Innovationen voranzutreiben. Das kann ein großer Vorteil sein, etwa bei der Optimierung von Erträgen oder der Einführung neuer Technologien. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, sich zu überfordern oder unrealistisch hohe Erwartungen an sich selbst und andere zu stellen.
Ein ausgeprägtes Beziehungsmotiv, kombiniert mit Fürsorge und Anerkennung, zeigt sich in dem Bedürfnis nach sozialen Beziehungen und Harmonie. Für Landwirte mit Mitarbeitern oder im Familienbetrieb kann dies besonders relevant sein. Sie legen Wert auf ein gutes Arbeitsklima und fördern Zusammenarbeit. Allerdings kann eine zu starke Ausprägung in diesem Bereich auch dazu führen, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder notwendige, aber unpopuläre Entscheidungen hinauszuzögern.
Das Machtmotiv schließlich beschreibt das Bedürfnis, Einfluss zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen. In der Landwirtschaft kann dies bedeuten, den Betrieb aktiv zu gestalten, Entscheidungen klar zu treffen und auch in schwierigen Situationen Führung zu zeigen. Ein ausgewogenes Machtmotiv ist wichtig für unternehmerischen Erfolg. Ist es jedoch zu dominant, kann es zu autoritärem Verhalten oder mangelnder Einbindung anderer führen.
In der Praxis hilft die Kenntnis der eigenen Motive, die Betriebsführung an den eigenen Stärken auszurichten. Sie kann außerdem dabei unterstützen, die Hofnachfolge vorzubereiten, passende Mitarbeiter zu finden oder belastende Situationen besser einzuordnen. So wird ein Landwirt mit hohem Sicherheitsbedürfnis beispielsweise stärker auf stabile Strukturen achten, während ein risikofreudiger Typ eher Chancen in Veränderungen sieht.
Darüber hinaus spielt die Motivstruktur eine zentrale Rolle in der Zusammenarbeit. In vielen landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten Familienmitglieder eng zusammen, oft über Generationen hinweg. Unterschiedliche Motive können hier zu Missverständnissen oder Konflikten führen. Die MSA kann helfen, diese Unterschiede sichtbar zu machen und ein besseres gegenseitiges Verständnis zu schaffen.
Fazit
Die Motiv-Struktur-Analyse will Menschen nicht in Schubladen stecken. Sie hilft vielmehr, die eigenen Motive besser zu verstehen und Entscheidungen bewusster zu treffen. Für Landwirte, die täglich unternehmerische Entscheidungen treffen, mit Unsicherheiten umgehen und oft in familiären Strukturen arbeiten, kann dieses Wissen einen echten Mehrwert bieten. Es ermöglicht nicht nur eine effektivere Betriebsführung, sondern trägt auch zu mehr Zufriedenheit und Klarheit im eigenen Handeln bei.