Brennpunkt. Energiepreise: Das dicke Ende kommt erst noch
Egal wann die Straße von Hormus wieder passierbar ist: Gas bleibt teuer.
Haben wir schon eine Krise? Wenn man den Äußerungen der EU-Energieminister auf ihrer Konferenz am 31. März Glauben schenken will, dann ja. Zwar sieht EU-Energiekommissarin Jörgensen keinen unmittelbaren Engpass, aber zum Spritsparen hat sie schon vorsorglich aufgerufen. Vor allem bei Diesel und Flugbenzin droht die EU leerzulaufen, wenn der Krieg wieder aufflammt. Auch der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, warnt vor Engpässen. Er sprach Ende März von der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten. Die aktuelle Situation sei »zwei Ölkrisen und ein Gaskollaps in einem«.
Gemeint war, dass in der Ölkrise der 70er Jahre
5 Mio. Fass Erdöl täglich fehlten und zu Beginn des Ukrainekrieges ebenfalls 5 Mio. Fass. Solange die Straße von Hormus nicht frei passierbar ist, fehlen 11 Mio. Fass täglich, plus 1,5 Mio. t Flüssiggas in der Woche.
Es geht beileibe nicht nur um Erdöl
Das ließe sich durchaus aus anderen Quellen ersetzen, wenn auch nicht ohne Russland. Mindestens ebenso kritisch ist der Ausfall der Raffinerien. 5 Mio. Fass Ölprodukte wurden von den Golfstaaten vor Kriegsbeginn exportiert. Aus dem Persischen Golf kommen fast 40 % der weltweit gehandelten Heliummengen (die werden in Katar aus dem Gas herausgereinigt). Helium benötigen vor allem die Hersteller von Rechnerchips. Wenn die ausfallen, nimmt die Krise erst richtig Fahrt auf. Zudem geht jeder fünfte international verschiffte Liter Methanol durch die Straße von Hormus. Und mit dem Beschuss des Suezkanals sind darüber hinaus 22 % der globalen Containerschifffahrt gefährdet.
Ölquellen drohen zu versiegen. Am Persischen Golf gibt es viele alte Ölquellen. Die verlieren ihren Druck, wenn sie nicht in Betrieb sind. Experten schätzen, dass bis Ende April Quellen mit einer Tagesproduktion von 1 Mio. Fass Rohöl unwiederbringbar verloren sein werden, weil die nach langem Stillstand nicht mehr sprudeln, auch nicht mit Hilfe von Frackinggas.
Besonders kritisch ist der Ausfall der Flüssiggasproduktion in Katar. Die Produktion ist um 70 % gefallen und die Beschädigung der Anlagen ist so gravierend, dass es je nach Schätzung zwischen drei und fünf Jahre dauern soll, bis die Schäden behoben sein werden. Prüfen kann das niemand, aber gewiss ist, dass Gas schon jetzt knapp werden wird – vor allem im verbrauchsstarken Winter. Wöchentlich fehlen 1,5 Mio. t aus Katar. Die Prognosen für 2026 sahen einen Überschuss von 7,5 Mio. t weltweit vor, der ist inzwischen aufgebraucht. Joe DeLaura, Energieexperte der Rabobank, sieht daher ein sehr großes Risiko vor allem für den Gaspreis. Der ist mit 42 € je MWh bei Redaktionsschluss um die Hälfte gestiegen. Je länger die Krise anhält, desto größer droht der Preisanstieg. Eine nochmalige Verdoppelung auf bis zu 100 €/MWh hält er für möglich.
Und wenn der Krieg vorbei und die Seewege wieder offen wären?
Auch dann dürfte es noch Monate dauern, bis die Lage sich wieder halbwegs normalisiert. Immer wieder zitiert werden 3.200 Schiffe, die derzeit auf beiden Seiten der Meeresenge warten sollen. In den Monaten vor dem Krieg passierten täglich maximal 130 Schiffe den Seeweg. Das bedeutet, selbst bei einer vollständigen Öffnung dauert es vermutlich vier Wochen, bis alleine der Rückstau aufgelöst wäre
Problemfall Dünger
Verfügbarkeit und Preise von Mineraldüngern sind auf mehreren Wegen vom Irankrieg betroffen. Zum einen ist Dünger ein Energieprodukt. Teures Gas (10 % des Weltbedarfes müssen durch die Straße von Hormus) treibt daher die Produktionskosten nach oben. Zum anderen stammt fast die Hälfte des weltweit gehandelten Harnstoffes und ein Drittel des Ammoniaks aus dem Persischen Golf und war damit sechs Wochen lang blockiert. Und auch jetzt läuft der Warenfluss nur langsam wieder an. Phosphate kommen zwar nur in kleinen Mengen von dort, dafür aber 22 % der Schwefelmengen (der fällt bei der Raffination des Erdöls an). Schwefel und Ammoniak sind die Rohstoffe zum Aufschluss des Rohphosphates zu Phosphordüngern. Daher ist die Gleichung sehr einfach: Solange Hormus nicht völlig frei ist, sind Dünger teuer.