Anbausysteme. Mehr Experimente wagen?
Ob regenerative Landwirtschaft, Streifenanbau oder anderes: Neue Anbausysteme versprechen, Klima- und Umweltziele ohne Einbußen bei der Produktivität zu erreichen. Aber genaues Hinschauen lohnt.
Die Sache ist eigentlich klar: Mit den „alten“ Ackerbausystemen kommen wir nicht weiter. Künftige Produktivitätsgewinne entstehen angesichts bleibender Herausforderungen bei Klima und Biodiversität nicht durch mehr Input, sondern durch neue Technik, besseres Management und dem Standort angepasste Systeme. Aber so klar erscheint die Sache doch nicht, sonst wären wir in der Praxis mit neuen Systemen schon viel weiter. „Lange Fruchtfolge“ schreibt sich leicht, doch mit welchen Früchten? Klima und Biodiversität sind aus einzelbetrieblich-ökonomischer Sicht oft Randthemen, weil es jenseits der politischen Anreize keine tragfähigen Geschäftsmodelle dafür gibt. Und Technik ist oft teuer.
So weit, so bekannt. Drei Fragen jedoch erscheinen mir unterbelichtet: Erstens: Erreichen alternative Ackerbausysteme überhaupt die Ziele, die mit ihnen gern verbunden werden? Zweitens: Muss man im Interesse der Ziele versuchen, gleich ein ganzes System umzusetzen, oder tun es zunächst auch Teile davon? Und drittens: Was lässt sich bei Förderung und Beratung tun, damit solche Systeme attraktiver für die Praxis werden?
Die Ziele
In wie vielen Forschungsarbeiten las oder liest man die Aussage: „Die Biodiversität wurde gefördert“! Schön, aber welche Biodiversität und um welchen Preis? Nehmen wir als Beispiel den Anbau unterschiedlicher Kulturen in Streifen nebeneinander. Die oft geforderten kleinräumigen Feldstrukturen auf großen Schlägen, toll! Aber sie bedeuten für den Landwirt ganz sicher mehr Aufwand und unter Umständen weniger Ertrag in den Randbereichen. Wenn aber die Ziele nicht überzeugend genug erreicht werden, dann stellt sich schon die Frage nach Aufwand und Wirkung.
Ein Projekt an der Universität Gießen zeigte das recht deutlich. Mit der zusätzlichen Biodiversität war es dort nämlich nicht so weit her. Es profitierten vor allem häufige Agrararten. Da sich viele Arten entlang der Streifen von Rückzugsraum zu Rückzugsraum bewegen, ist der Streifenanbau wohl nur dann ein Erfolg für die Biodiversität, wenn er als Ergänzung natürlicher bzw. in Form von Hecken oder Agroforst angelegter Strukturelemente geplant wird. Als isolierte Maßnahme überzeugt er im Vergleich von Aufwand und Wirkung hingegen weniger. Übrigens gilt das auch für zufällig verteilte Blühstreifen. Radikal ausgedrückt, aber im Einklang mit den Erkenntnissen vieler Ökologen: Werden die Maßnahmen für mehr Biodiversität nicht von der Landschaftsebene aus gedacht, werden sie gemessen am Ergebnis sehr teuer.
Die Umsetzung
Neue Ackerbau-Ansätze sind anfällig für ein Systemdenken, das vergleichbar mit dem Ökolandbau ist: „Werden nicht alle Register gleichzeitig gezogen, dann ist die Wirkung fragwürdig.“ Das kann mit Blick auf die Ziele so sein. Mit Blick auf die Praxis lässt es sich nicht jedoch immer lupenrein umsetzen. So profitierte von einem dauerhaften Lebendmulch in einem Praxisprojekt zwar die Bodengesundheit, aber der dafür verwendete Weißklee musste chemisch kleingehalten werden. Am Ende stellten sich die Versuchsansteller selbst die Frage: Muss der Lebendmulch eigentlich dauerhaft sein? Die Botschaft dieses und vieler anderer Versuche lautet: Es ist wahrscheinlich besser, zunächst einzelne Elemente eines künftigen Gesamtkonzeptes auszuprobieren, als gleich „in die Vollen“ zu gehen. Wer das probierte, fiel oftmals auf die Nase und musste in Folgejahren viele einzelne Elemente nachregulieren.
Die Förderung
Es fällt auf, wie oft im Zusammenhang mit neuen Anbausystemen von einer notwendigen Förderung die Rede ist. Wenn die Systeme unmittelbar dem Betrieb nützen, sollte diese gar nicht nötig sein. Bis man allerdings dort angelangt ist, sind typischerweise viel Geld verbraucht und noch mehr Nervenzellen abgestorben.
nnovation gehört sicherlich zum Geschäft. Für neue Technik ist im Zweifelsfall immer Geld da. So könnte man den Landwirten zurufen: „Steckt die Gewinne der guten Jahre nicht in Technik, sondern in die Weiterentwicklung eurer Anbausysteme!“ Aber wie einige Landwirte gern experimentieren, ist für viele andere die Technik das Ein und Alles. Sie werden sich nicht an neue Systeme wagen, wenn sie nicht sicher sind, dass diese zuverlässig funktionieren.
Wie immer bei Innovationen wird der Weg von den Pionieren in die Breite gehen. Doch das dauert bei neuen Ackerbausystemen noch viel länger als bei der Technik. Ein Schlüssel für mehr Tempo wäre eine Innovationsförderung für Projekte, die Landwirte auf regionaler Ebene zunächst gemeinsam angehen und dann ihren jeweiligen Betrieben anpassen. Denn fertige Lösungen gibt es ausgesprochen selten. Diese Förderung müsste deutlich unbürokratischer sein als z. B. EIP-Projekte und den Landwirten viel Spielraum lassen. Sie sollte allerdings nur einem Verbund von Landwirten gewährt werden und möglichst eine Beratung einschließen.
Was spricht eigentlich gegen einen mehrjährigen Innovations-Zuschuss zum Beispiel aus der zweiten Säule? Der ähnlich organisiert wird wie das niederländische Modell der Biodiversitäts-Förderung? Die Gelder wären viel besser angelegt als über die derzeitige „Gießkanne“. Werden bestimmte Fragen auf mehreren Betrieben zugleich behandelt, lassen sich unterschiedliche Einflussgrößen besser erfassen und diskutieren. Die Innovations-Landwirte sind nicht mehr nur die „einsamen Spinner“. Kein Geld übrig? Langfristig müssen die voraussetzungslosen Direktzahlungen ohnehin auslaufen.
Innovationen fördern statt Verpächter! Das wäre doch ein schönes Schlagwort. Es würde finanziellen Spielraum geben, auch mal Ertragsminderungen wegstecken zu können. Vor allem aber würde viel auf den Standort bezogene Kreativität freigesetzt und bessere Ergebnisse als mit starren Programmen erreicht.