Reportage. Feuer und Flamme für Smart Farming
Vom Lenksystem bis zu Applikationskarten auf Basis eigener Luftbilder – nur wenige Landwirte setzen die vorhandenen Möglichkeiten der Digitalisierung so konsequent ein wie Konrad Harbort. Er zeigt das Für und Wider auf.
Konrad Harbort ist Betriebsleiter in Mecklenburg-Vorpommern und hat schon sehr früh seine beiden Leidenschaften – Ackerbau und Computer – miteinander verknüpft. »Mit Lenksystemen fing eigentlich alles an«, erzählt Harbort. Dass ein Schlepper selbstständig seine Arbeitsspur finden konnte, faszinierte ihn schon vor vielen Jahren. Heute nutzt er die Systeme verschiedener Hersteller, wie z. B. den Contour Assistant von Fendt, der Feldgrenzen in einzelne Segmente teilt und das automatische Erstellen der Spuren auch am Vorgewende möglich macht. »Wir drillen ohne Fahrspur und fahren die Gassen anschließend mit der Pflanzenschutzspritze rein. Da ist das Lenksystem eine große Erleichterung«, erklärt Harbort.
Seine Mitarbeiter hat er selbst geschult. Nach anfänglicher Skepsis sehen alle die Arbeitserleichterung. Da die Systeme beispielsweise bei engen Kurven an ihre Grenzen kommen, bleibt ein Fahrer mit geschultem Blick trotzdem unersetzlich.
Digitale Lösungen vom Problem aus gedacht
Wie viele Landwirte ist Harbort praktisch veranlagt. So ärgerte ihn auf seinem vorherigen Betrieb in Schleswig-Holstein die Ausbreitung von Wühlmäusen in den Beständen. Die Flächen zu Fuß abzulaufen und auf Befall abzusuchen, wäre sehr aufwendig gewesen. Das musste effektiver möglich sein. So entstand 2016 der Auftakt zur eigenen Flächenkartierung.
Zuerst nutzte Harbort eine Drohne, unter die er mit Kabelbindern eine Kamera baute. Die Akkuleistung war aber zu gering. Mit einem Flug ließen sich nur rund 40 ha erfassen. Nach viel Tüftelei entstand 2018 ein eigens gebautes Flugzeug – ein Flächenflügler – der in 40 Minuten bis zu 130 ha abdecken konnte. Das aktuelle Modell kann drei Stunden in der Luft bleiben und bis zu 450 ha überfliegen.
Aus der Luft wird ein digitales Orthofoto erstellt und mit Koordinaten versehen. Anschließend wird das Bild in ein geografisches Informationssystem (GIS) geladen und dem sogenannten »Ground Truthing« unterzogen – wobei das Luftbild mit der Realität im Feld verglichen wird: Sind die Wühlmauslöcher an der Stelle im Bild, wo sie auch in Wirklichkeit sind? Ist der Bestand tatsächlich so gut, wie auf dem Bild zu erkennen? So fand Konrad Harbort über sehr genaue Aufnahmen die Anhäufungen von Mäusenestern und konnte diese gezielt anlaufen.
Heute überfliegt der Landwirt seine Flächen regelmäßig und erstellt aus den Rohdaten eigene Bilder. In der Geoinformationssoftware QGIS, die frei verfügbar ist, legt er die Karten in verschiedenen Konstellationen übereinander – je nachdem, welche Information ihn interessiert. »Das erfordert schon einen großen Speicher und guten Rechner, um alle Informationen verarbeiten zu können«, sagt Harbort. Der Vorteil: Er bleibt Herr seiner Daten.
So vergleicht er etwa die Bestandsentwicklung im Frühjahr mit den Kulturen kurz vor der Ernte. Sieht eine Stelle im Frühjahr sehr gut aus, erntet aber schlecht, kann er anhand der Bilder feststellen, wann ein Fehler in der Bestandsführung passiert ist. Oder sehen, ob eine schlechte Stelle im Feld sich eventuell trotzdem bis zur Ernte noch positiv entwickelt.
Außerdem nutzt er die Bilder zur Kartierung von Drainagesystemen. So kann man unter guten Bedingungen einzelne Drainagestränge zentimetergenau verorten und im Feld schneller finden. Auch zur Vermessung von Wildschäden lassen sich die Bilder einsetzen. Anhand der Daten lassen sich Bildreihen erstellen, mit denen Harbort den Wildschaden und seine Ausbreitung exakt dokumentieren kann.
Harbort nutzt die Luftbilder seit 2021 auch im Pflanzenschutz
»Relativ ortsfeste Unkräuter wie Trespe können wir durch die Bilder gut sehen und teilflächenspezifisch behandeln«, berichtet Konrad Harbort. So hat er in diesem Jahr auf einer Fläche mit deutlichen Trespennestern die Herbizidanwendung gezielt auf nur rund 20 % der gesamten Fläche durchgeführt – mit erheblichen Kosteneinsparungen. »Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, dass es keine 100%-ige Trefferquote gibt und schon auch mal die eine oder andere Pflanze im Bestand bleibt«, gibt Harbort zu bedenken. Bei Problemunkräutern wie Ackerfuchsschwanz ist diese Art des Pflanzenschutzes sicherlich weniger sinnvoll.
Der Betriebsleiter entwickelt seine Ideen zu Smart Farming-Anwendungen stetig weiter. »Mir macht das einfach Spaß«, sagt er und versteht, wenn andere Landwirte sich mit dem Thema eher schwer tun. Vor allem die mangelnde Kompatibilität zwischen den einzelnen Herstellern erschwert seiner Erfahrung nach den Umgang mit den jeweiligen Programmen. »Man fängt immer wieder von vorn an«, berichtet Harbort und wünscht sich, dass man als Landwirt alle Daten der verschiedenen Anbieter in einer zentralen Software zusammenführen kann. Das würde den Mehrwert der digitalen Angebote seiner Meinung nach deutlich vergrößern.