Perspektiven. So steuern Sie den Betrieb durch den Sturm
Die vergangenen Jahre waren geprägt von starken Preisschwankungen, geopolitischen Verwerfungen, steigenden Kosten und wachsenden regulatorischen Anforderungen. Mehr denn je kommt es darauf an, strukturelle Stärken und Entwicklungschancen zu nutzen.
Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe ist angespannt. Nach zwei Jahren rückläufiger Gewinne rückt Liquidität wieder stärker in den Fokus unternehmerischer Entscheidungen. Insbesondere im Ackerbau lassen sich unter den aktuellen Erzeugerpreisen und einem deutlich gestiegenen Kostenniveau nur noch bei wenigen Kulturen die Vollkosten decken. Die klassische Hauptkultur Getreide erfüllt diese Rolle vielerorts nicht mehr, während einzelne Marktfrüchte zeitweise Stabilität bieten. Gleichzeitig haben Direktzahlungen an Bedeutung verloren, da sie gesunken sind.
Dabei zeigt sich die Landwirtschaft traditionell anpassungsfähig und innovationsbereit. Eine nüchterne Standortanalyse muss daher beide Seiten berücksichtigen: die aktuell spürbaren Belastungen ebenso wie die strukturellen Stärken und Entwicklungschancen.
Markt- und Erlössituation
Die Agrarmärkte werden derzeit in besonderem Maße durch globale Angebotslagen bestimmt. Eine sehr gute weltweite Versorgung mit Getreide führt zu Preisniveaus, die historisch bekannt sind, unter heutigen Kostenstrukturen jedoch nicht mehr tragfähig erscheinen. Kostensteigerungen der letzten Jahre – bei Betriebsmitteln, Energie, Arbeit und Kapital – haben die Break-even-Punkte deutlich verschoben. Der heutige Grenzerlös zur Vollkostendeckung im Weizen beläuft sich auf 230 €/t – das liegt deutlich über dem aktuellen Preisniveau von 180 €/t. Kostensteigerungen von 25 % in den vergangenen Jahren haben zu einer massiven Verteuerung der Stückkosten beigetragen. Lange Zeit sorgten steigende Erträge im Optimalfall dafür, dass sich bei steigenden Kosten die Stückkosten nicht wesentlich verteuern. Aber Ertragssteigerungen lassen sich im Getreide schon seit Jahren nicht mehr beobachten.
Besonders unter Druck stehen derzeit einzelne Spezialkulturen. Die Kartoffelbranche erlebt nach Jahren hoher Erlöse eine Phase massiven Überangebots mit entsprechendem Preisdruck. Auch bei vertraglich gebundener Ware nehmen Qualitätsabzüge zu, was die Kalkulationssicherheit erheblich schwächt. Ähnliche Tendenzen sind bei der Zuckerrübe zu beobachten: Nach einer Phase hoher Wirtschaftlichkeit führen Übermengen auf europäischer Ebene zu sinkenden Preisen und Anbauappellen der Fabriken, den Rübenanbau zu reduzieren.
Stabiler präsentiert sich der Raps. Er ermöglicht derzeit zumindest in vielen Betrieben eine Kostendeckung. Aber das auch nur, wenn die Erträge passen – und hier hat der Raps sein großes Problem. Sicher 4 t/ha zu ernten, ist leider nicht mehr die Regel. Die pflanzenbaulichen Herausforderungen haben sich immens verändert. An einigen Standorten zeigen sich die Folgen einer Überbeanspruchung der Fruchtfolgen. Zu kurze Anbaupausen haben häufig zu einer Ertragsdepression beigetragen. Diese Erkenntnis ist nun weitestgehend in der Praxis angekommen, und immer breitere Fruchtfolgen sind das Gebot der Stunde. Der Ertragsverlust durch unzureichend kontrollierte Schädlinge (Erdfloh, Stängelrüssler, Rapsglanzkäfer) ist betriebswirtschaftlich hoch relevant, aber durch Wegfall von Beizungen, Wirkstoffen und einer Zunahme von Resistenzen immer weniger zu vermeiden. Insgesamt zeigt sich, dass klassische Marktmechanismen – Angebot und Nachfrage – unverändert gelten. Ihre Wirkung schlägt jedoch schneller und intensiver durch. Gerade die Kartoffelbetriebe erfahren leidvoll, was es bedeutet, wenn zu viel Menge im Markt ist.
Kostenstruktur und Wettbewerbsfähigkeit
Das zentrale Thema der kommenden Jahre ist die Kostenführerschaft. In vielen Betrieben sind die Bewirtschaftungskosten innerhalb von fünf Jahren um rund ein Viertel gestiegen. Besonders deutlich wird dies bei der Arbeitserledigung. Lohnkosten steigen dynamisch, während Effizienzgewinne durch Arbeitszeitersparnis kaum noch realisierbar sind. Gleichzeitig verteuern sich Maschinen durch höhere Anschaffungspreise, steigende Reparaturkosten und zunehmende Kapitalbindungen.
Auch bei den Direktkosten ist keine Entspannung in Sicht. Stickstoffdünger bleibt ein zentraler Kostentreiber, verschärft durch energiepolitische Effekte, CO2-Bepreisung und handelspolitische Einflüsse. Die jüngsten Ereignisse im Iran haben gezeigt, wie schnell sich die Beschaffungskosten für Stickstoff verteuern können. Regulatorische Einschränkungen erschweren zudem den Ausgleich über organische Düngung. Damit gerät die Produktionsintensität vieler Standorte unter Druck.
Die Kapitalbindung erreicht neue Dimensionen. Technik ist teurer denn je, während Finanzierungen nach Auslaufen früherer Niedrigzinsphasen deutlich höhere Zinslasten verursachen. Kurzfristige Finanzierungsangebote können strukturelle Belastungen nur begrenzt abfedern. Der Wettbewerb durch neue internationale Anbieter könnte perspektivisch Entlastung bringen, ist aber mit Unsicherheiten verbunden.
Tierhaltung im Strukturwandel
In der Tierhaltung zeigt sich der Strukturwandel besonders ausgeprägt. Während erfolgreiche Betriebe ihre Bestände ausweiten, hat eine große Zahl an Unternehmen die Produktion aufgegeben. Dies betrifft insbesondere die Schweinehaltung, aber auch die Milchviehhaltung. Deutschland reduziert seine Tierbestände, während andere europäische Länder Produktionskapazitäten aufbauen. Damit findet weniger ein Abbau als vielmehr eine Verlagerung statt.
Der politisch gewünschte Umbau der Tierhaltung hin zu mehr Tierwohl verläuft schleppend. Hohe Investitionskosten, unsichere Förderbedingungen und eine begrenzte Zahlungsbereitschaft der Verbraucher bremsen die Umsetzung. Für den Standort Deutschland entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Arbeitskräfte und Unternehmertum
Der Faktor Arbeit entwickelt sich zunehmend zum limitierenden Produktionsfaktor. Qualifizierte Mitarbeiter sind schwer zu finden und langfristig zu binden. Die Landwirtschaft steht hier im Wettbewerb mit anderen Branchen, ohne vergleichbare Arbeitszeitmodelle anbieten zu können. Gleichzeitig steigen die Lohnkosten weiter, was insbesondere arbeitsintensive Produktionsrichtungen vor große Herausforderungen stellt.
Damit rückt die Rolle des Unternehmers stärker in den Fokus. Wachstum allein ist kein Garant für Stabilität. Vielmehr zeigt sich, dass schnelles Wachstum erhebliche finanzielle und organisatorische Risiken birgt. Erfolgreiche Betriebe zeichnen sich zunehmend durch professionelles Management, klare Zieldefinitionen und eine bewusste Balance zwischen betrieblichem Erfolg und persönlicher Belastbarkeit aus.
Technologischer Fortschritt und Digitalisierung
Trotz aller Herausforderungen bleibt Deutschland ein innovationsstarker Agrarstandort. Die Landtechnik entwickelt sich rasant weiter – hin zu größeren, leistungsfähigeren, aber auch autonomeren Systemen. Robotik und KI-gestützte Anwendungen gewinnen an Bedeutung, nicht zuletzt als Antwort auf den Arbeitskräftemangel. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten der Datenanalyse, der Bestandsführung und der Prozessoptimierung. Der Nutzen vorhandener Daten wurde bislang nur teilweise gehoben. Hier liegt ein erhebliches Potenzial zur Effizienzsteigerung, das jedoch Know-how, Investitionen und praxisnahe Anwendungen erfordert.
KI wird eine Vielzahl von Prozessabläufen verändern. Die Geschwindigkeit der Entwicklung immer neuer Möglichkeiten ist rasant. Im Betrieb kann die KI dazu beitragen, die Büroarbeit zu vereinfachen und Prozesse zu vereinfachen. Die neuen und vor allem kostenlosen Mitarbeiter sind die KI-Agenten. Sie sind ein autonomes System, das Ziele umsetzt anstatt nur Befehle auszuführen. KI-Agenten können selbstständig planen, Tools nutzen (wie Browser oder Datenbanken), Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen, um komplexe Aufgaben vom Anfang bis zum Ende zu lösen, oft ohne menschliches Eingreifen.
Auf dem Feld und insbesondere bei Rüstzeiten und auch Werkstatteinsatz wird die KI hingegen keinen kompletten Wandel herbeiführen können. Denn überall dort, wo Handarbeit erfolgen muss, kann sie keinen Beitrag leisten. Damit wird die KI nur wenig dazu beitragen können, eine spürbare Einsparung der Kostenstruktur zu ermöglichen. Viele Kosten sind Fixkosten, die nicht durch KI positiv beeinflusst werden können. Auch eine Senkung von Pachtpreisen wird nicht möglich sein. Ganz im Gegenteil: Der Pachtmarkt wird durch KI immer transparenter, und den Verpächtern ermöglicht die KI einen noch besseren Zugang zu Informationen und Erkenntnissen. In der Folge kann das sogar negativ bei Preisverhandlungen sein. Mit einer zunehmenden Entfremdung von Verpächter und Pächter (weil kein persönlicher Bezug mehr besteht), kommt dem Höchstpreis einer Pacht immer mehr Bedeutung zu.
Bodenmarkt und Flächenkonkurrenz
Der Bodenmarkt ist ein weiterer kritischer Standortfaktor. Kaufpreise werden aktuell mehr denn je durch außerlandwirtschaftliches Kapital beeinflusst, während die erzielbaren Renditen für landwirtschaftliche Betriebe häufig nicht mehr auskömmlich sind. Flächenkäufe erfordern hohe Eigenmittel und bergen das Risiko, betriebliche Substanz zu gefährden. Auch bei Pachten ist einzelbetriebliches Kalkulieren gefragt, da sinkende Erträge und begrenzte Wirtschaftlichkeit nicht automatisch zu sinkenden Pachtforderungen führen. Zu Höchstpachten am Standort zu pachten, birgt massive finanzielle Risiken. Jeder Unternehmer, jede Unternehmerin sollte heute durch Kalkulation der eigenen Zahlen seine oder ihre individuelle Grundrente kennen und daraus eine Maximalpacht ableiten. Ein Schönrechnen über Grenzkosten ist häufig nur kurz gedacht! Pachtpreise jenseits der 700 €/ha sind unter den aktuellen Preisrelationen mit den üblichen Anbaukulturen nicht zu erwirtschaften. Wer meint mehr zu zahlen, muss entweder zu den 25 % Erfolgreichsten gehören oder eine besondere Anbaustrategie haben. Ob es dann klug ist, den unternehmerischen Mehrgewinn an den Verpächter abzugeben, muss jeder für sich bewerten.
Erneuerbare Energien und neue Geschäftsfelder
Die Euphorie rund um erneuerbare Energien hat einer Phase der Ernüchterung Platz gemacht. Insbesondere die Biogasbranche steht vor einem tiefgreifenden Umbruch, da viele Anlagen aus der Förderung fallen und unter den neuen Marktbedingungen nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Auch Photovoltaik- und Batteriespeicherprojekte sind stärker von Zinsen, Strompreisen und Netzrestriktionen abhängig als noch vor wenigen Jahren. Negative Strompreise sind neue Herausforderungen im Bereich der Erneuerbare Energien. Die Windbranche galt zwischenzeitlich als neue Goldgrube. Immense Pachtpreise standen im Raum. Doch auch hier ist ein Ende der Euphorie zu beobachten. Die Ausschreibungsergebnisse sind deutlich eingebrochen. Der Blick auf das Jahr 2027 lässt eine deutliche Veränderung der EEG-Förderung erwarten. Erste Vorschläge dazu werden aktuell vom Wirtschaftsministerium erarbeitet.
Neue Geschäftsfelder, egal in welchem Bereich, bleiben dennoch ein wichtiges Thema. Entscheidend ist weniger die Produktion als vielmehr die Vermarktung. Nischen können erfolgreich sein, erfordern aber unternehmerische Leidenschaft, Marktnähe und Risikobewusstsein. Pauschale Erfolgsrezepte gibt es nicht.
Politisch-regulatorisches Umfeld
Das politische Risiko ist ein wesentlicher Standortfaktor. Bürokratie, Dokumentationspflichten und sich ständig ändernde Vorgaben belasten die Betriebe erheblich. Gleichzeitig bietet die europäische Agrarpolitik nach 2028 Chancen durch mehr Flexibilität, ist jedoch mit Budgetkürzungen und Umverteilungsdebatten verbunden. Diskussionen über Kappungen der Zahlungen laufen derzeit wieder. Die Ausgestaltung auf nationaler Ebene wird entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit sein.
Positiv zu bewerten ist die Öffnung gegenüber neuen Züchtungstechnologien, die langfristig einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an Klimawandel, Resistenzen und Wirkstoffverluste leisten können.
Vier Kernbotschaften „zum Mitnehmen“
- Der Standort Deutschland ist für die Landwirtschaft anspruchsvoll, aber keineswegs perspektivlos. Hohe Kosten, intensive Regulierung und volatile Märkte stellen die Betriebe vor große Herausforderungen. Gleichzeitig bietet Deutschland stabile institutionelle Rahmenbedingungen, hohe Innovationskraft und gut ausgebildete Unternehmer.
- Wirtschaftlich herausfordernde Zeiten beobachten wir nicht zum ersten Mal. Strukturwandel findet nun verstärkt statt. Betriebe müssen sich dann keine Sorgen machen, wenn sie gut aufgestellt sind und in den sehr guten Jahren ausreichend Rücklagen bilden konnten. Die bittere Wahrheit zeigt sich, wenn es um die künftige Existenz der weniger erfolgreichen Betriebe geht.
- Zukunftsfähig sind Betriebe, die planvoll vorgehen. Die ihre Kosten im Griff behalten, Investitionen sorgfältig abwägen, neue Technologien sinnvoll nutzen und die unternehmerischen Ziele klar definieren. Standortqualität entsteht weniger durch politische Versprechen als durch betriebliche Anpassungsfähigkeit, Marktkenntnis und persönliche Resilienz.
- Unter diesen Voraussetzungen bleibt Deutschland ein leistungsfähiger, wenn auch anspruchsvoller Agrarstandort. Unternehmer, die das verstanden haben, rufen nicht zuerst nach der Politik, denn diese kann nicht alle Herausforderungen lösen. Sondern sie passen sich den veränderten Rahmenbedingungen klug und überlegt an und richten sich bei Bedarf auch auf neue Geschäftsfelder aus.