Interview. Genome Editing – Wie, Was, Wozu?
Über die neuen Züchtungsverfahren wird an vielen Fronten leidenschaftlich diskutiert. Sie haben den Anstoß für eine Überarbeitung des aktuellen EU-Gentechnikrechts gegeben. Robert Hoffie forscht nicht nur an genomeditierten Pflanzen, er redet auch darüber. Was sind die wichtigsten »Knackpunkte« der Debatte und welche Antworten hat die Wissenschaft?
Herr Dr. Hoffie, Sie haben vor Kurzem erfolgreich Ihre Promotion am IPK in Gatersleben abgeschlossen. Woran genau haben Sie dabei gearbeitet?
Im Rahmen der Promotion habe ich mit der Gen-Schere Cas9 aus dem CRISPR-System Gene bearbeitet, die Wintergerste anfällig gegen die Gerstengelbmosaikvirose machen. In den aktuell verfügbaren Sorten ist fast überall dieselbe Resistenz eingekreuzt, weshalb es hier einen großen Bedarf gibt, neue Resistenzquellen zu erschließen. Durch gezielte Veränderung der Gene konnte ich meine Versuchspflanzen gegen das Virus resistent machen. Als Vorlage dienten dabei alte Sorten aus Südostasien. Diese sind zwar aufwendig in europäische Wintergerste einzukreuzen. Mittels Genomeditierung können wir aber dazu beitragen, solche exotischen Resistenzquellen züchterisch zu nutzen.
Sie haben 2020 den Wissenschaftskommunikationspreis der Sektion Pflanzenphysiologie und Molekularbiologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft erhalten. Warum liegt Ihnen die Wissenschaftskommunikation so am Herzen?
Die Pflanzenbiotechnologie und speziell die Genomeditierung werden in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Ich denke, dass die Perspektive der Forscher, die mit diesen Verfahren arbeiten, in die Debatte einfließen sollte. Deshalb engagiere ich mich dafür, diesen Blickwinkel zu vermitteln.
Über welche Kanäle kommunizieren Sie, und wer sind Ihre Adressaten?
Mein eigener Hauptkanal ist mein Twitter-Account, mit dem ich vor allem Multiplikatoren in Medien und Politik erreiche, die ebenfalls Twitter nutzen. Aus diesen Kontakten ergeben sich dann Berichte in anderen Medien wie Zeitungen, TV, Radio oder online, die sich an ein unterschiedlich spezielles oder auch ein breiteres Publikum richten. Außerdem bin ich Mitglied in dem Verein »Öko-Progressives Netzwerk«, der sich der Entwicklung und Diskussion wissenschaftsbasierter Transformationsstrategien für eine nachhaltige Zukunft widmet.
Die grüne Gentechnik ist in Europa nach wie vor ein Tabuthema. Läuft die Diskussion um die neuen Züchtungstechnologien genauso emotional? Wird diesbezüglich überhaupt differenziert?
Mein Eindruck ist, dass die Debatte einen Neuanfang bekommen hat und weitgehend differenzierter abläuft als früher. Dennoch versuchen einige Gruppen, die Mechanismen der alten Gentechnikdebatte und ihre starke Polarisierung zu übertragen. Die Wissenschaft ist aktuell sicherlich auch besser aufgestellt und hat die Bedeutung erkannt, die der Kommunikation in solchen Debatten zukommt. Aber es sind natürlich vor allem die Medien gefragt, hier verantwortungsbewusst zu berichten und die Stichhaltigkeit verschiedener Argumente einzuordnen.
Was sind die größten Vorbehalte/ Ängste beim Genome Editing?
Hier übertragen sich überwiegend Ängste aus der alten Gentechnik-Debatte. Also Sorgen darüber, dass geneditierte Pflanzen negative Auswirkungen auf die Umwelt oder auch die Gesundheit haben könnten. Diese Fragen sind aber beantwortet. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die genetischen Veränderungen, die wir mit CRISPR & Co. erzeugen, in ihren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt von solchen unterscheiden, die auf natürliche Weise entstehen oder durch alte, etablierte Methoden induziert werden. Entscheidend für die Risikobewertung sind nicht die Züchtungsmethoden, sondern die spezifischen Eigenschaften der fertigen Sorte. Das Risikopotential einer krankheitsresistenten Sorte ist also gleich – egal, ob eine Sorte konventionell oder mithilfe der Genomeditierung gezüchtet wird.
Neben solchen Sorgen gibt es aber auch Bedenken, die eher sozioökonomischer Natur sind. Also etwa, dass die Einführung der neuen Techniken die weitere Konzentration am Saatgutmarkt beschleunigen würde oder durch Patente den ›Open-Source-Gedanken‹ der Pflanzenzüchtung und des etablierten Sortenschutzes torpedieren. Das sind aber keine der Technik inhärenten Probleme, sondern können durch einen klugen politischen Rahmen behoben werden. Dass Patente nicht in die Pflanzenzüchtung passen, ist in meiner Wahrnehmung zum Beispiel breiter Konsens. Auch bei den Züchtern selbst.
Setzen wir in der Pflanzenzüchtung bei der Forschungsförderung Ihrer Meinung nach zu einseitig auf das Pferd der neuen Züchtungsverfahren?
Nein, das denke ich nicht. Die mir bekannten Forschungsprogramme fördern eine breite Vielfalt an Ansätzen. Und gerade in der Forschung geht es ja zuallererst um das Generieren von Wissen und Ressourcen, die dann mit unterschiedlichen Ansätzen genutzt werden können. Die Genomsequenzierung möglichst vieler Kulturpflanzenarten ist zum Beispiel eine wichtige Grundlage der klassischen Züchtung, ebenso für die Genomeditierung. Umgekehrt kann das Wissen, das wir beispielsweise über Genfunktionen mittels Genomeditierung generieren, auch der klassischen Züchtung zugutekommen. Die Forschung denkt hier viel weniger in Schubladen, als es Politik oder Interessenverbände tun.
Kritiker unterstreichen immer wieder die Bedeutung von Wahlfreiheit und Koexistenz. Werden diese auch bei einer Deregulierung des EU-Gentechnikrechts weiterhin sichergestellt sein?
Ich kenne die Pläne der EU-Kommission nicht und kann daher dazu konkret nichts sagen. Aber wir haben ja schon heute etablierte Verfahren, die beispielsweise im Saatgutverkehrsgesetz festgeschrieben sind. Das ließe sich genauso auch auf neue Sorten anwenden, die mittels Genomeditierung gezüchtet wurden. Einzige Voraussetzung wäre dann, dass zum Beispiel in den beschreibenden Sortenlisten miterfasst würde, welche Sorten damit gezüchtet wurden. Denn in der Tat ist es so, dass sich Genomeditierungen zwischen all den natürlich vorkommenden Mutationen und genetischen Unterschieden zwischen unterschiedlichen Sorten ohne besonderes Vorwissen später nicht mehr nachweisen lassen.
Allerdings sind selbst Sorten, die mit etablierten Verfahren der Mutagenese gezüchtet werden, derzeit per Definition im EU-Recht GVO. Für sie wurde jedoch eine Ausnahme geschaffen, die sie von Regulation und Kennzeichnung ausschließt. Diese Art von Gentechnik wurde bei einem Großteil der verfügbaren Sorten bzw. in ihren Stammbäumen angewendet und diese Sorten werden auch im Bio-Anbau und sogar in Produkten mit dem »Ohne Gentechnik«-Label angewendet. Für gezielte Formen der Mutagenese wie eben der Genomeditierung will man diese Ausnahme aber nicht gelten lassen. Da sollten sich die Kritiker dann auch ehrlich machen, warum sie das so vertreten.
Auch über die Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit der Landwirte von der Industrie wird diskutiert. Ist diese Sorge berechtigt?
Niemand diktiert den Landwirten, welche Sorten sie anzubauen haben. Sie bleiben bei dieser Entscheidung genauso frei wie bisher. Je nach Kultur gibt es aber schon heute einen starken Konzentrationsprozess, sodass zum Beispiel bei Kulturen mit geringer Anbaubedeutung nur noch wenige Züchter aktiv sind und sich das Sortenangebot verringert. Bei den meisten landwirtschaftlichen Kulturen ist das bisher aber noch nicht so stark ausgeprägt. Um den offenen Austausch der Züchter untereinander auch zukünftig sicherzustellen, sollte die Politik das bereits angesprochene Problem mit Patenten in der Pflanzenzüchtung angehen.
Wie bewerten Sie die Chancen der neuen Züchtungstechnologien für die mittelständischen Züchter in Europa?
Schon heute nutzen auch viele kleine und mittlere Pflanzenzüchter biotechnologische Verfahren. In diese Pipelines ließe sich das notwendige Wissen und die technischen Voraussetzungen für Genomeditierung gut integrieren, sodass rein methodisch die neuen Züchtungstechnologien von diesen Unternehmen genutzt werden können und entsprechende Chancen bieten. Die bisherigen wissenschaftlichen Publikationen zur Genomeditierung zeigen, in wie vielen Kulturen und für wie viele Zuchtziele es vielversprechende Ansätze gibt, einen Beitrag zur Verbesserung der verfügbaren Sorten zu leisten.
Die Fragen stellte Katrin Rutt