Wirtschaftsdünger I. Plötzlich ist Gülle gefragt wie nie

Stark variierende Nährstoffgehalte, ein hoher bürokratischer Aufwand und der drohende Ärger mit den Dorfbewohnern – all das schreckte viele Ackerbauern bisher vor der Aufnahme von Gülle und Gärresten ab. Nun gibt es einen regelrechten »Run«. Doch der Zukauf und Einsatz von Wirtschaftsdüngern sollten gut kalkuliert sein, zeigt Albrecht Macke.

So schnell können sich Märkte innerhalb weniger Monate drehen! In den vergangenen Jahren hatte Gülle vor allem bei Ackerbauern einen schlechten Ruf. Sie wurde in der Regel nur dann aufgenommen, wenn im Optimalfall noch eine Kostenbeteiligung erfolgte. Und in den Veredelungszentren hat man nicht selten über »Entsorgung« gesprochen. In der Spitze mussten Betriebe in Überschussregionen 15 bis 20 €/m3 für die Abgabe von Gülle zahlen. Aktuell ergibt sich durch die massiv gestiegenen Rohstoff-, Gas- und damit Stickstoffpreise ein völlig anderes Bild. Die Kosten mineralischen Stickstoffs liegen derzeit bei bis zu 2 €/kg. Und auch die Preise für Phosphor und Kali sind gestiegen. Doch nicht nur die Preisexplosion der mineralischen Dünger bereitet den Landwirten Sorgen, sondern auch die Frage nach der Warenverfügbarkeit.

Wie komme ich an organische Dünger?

Für Landwirte, die Wirtschaftsdünger beziehen wollen, bieten sich folgende Möglichkeiten an:

  • Direktkontakt zu abgebenden Biogasanlagenbetreibern oder Tierhaltungsbetrieben – eventuell auch kombiniert mit der Rückfracht von Getreide oder Mais
  • Regionale Lohnunternehmer ansprechen, die Organik ausbringen und gegebenenfalls über Kontakte verfügen
  • Nährstoff- und Güllebörsen: Hier erfolgt der Zugang und die Vermittlung in der Regel online
  • Überregionale Dienstleister kontaktieren, die Wirtschaftsdünger handeln und häufig auch über eigene Transportkapazitäten verfügen

Durch diese neuen Rahmenbedingungen haben sich die Nährstoffwerte der organischen Dünger gegenüber dem fünfjährigen Schnitt quasi verdoppelt. Je nach Gülleart ist aktuell von einem Nährstoffwert von etwa 10 €/m3 auszugehen (Übersicht 1). Zuvor lag dieser bei etwa 5 €/m3. Die Ausbringkosten der Organik spielen allerdings eine nicht unerhebliche Rolle. Konnte man vor einigen Jahren noch für ca. 3 bis 5 €/m3 Gülle kostengünstig ausbringen, belaufen sich diese Kosten aktuell auf 4 bis 9 €/m3. Die Gründe dafür sind schnell gefunden: 

  • Reduzierte Ausbringmengen durch die Düngeverordnung (insbesondere im Herbst) erhöhen die spezifischen Kosten.
  • Die Kosten für Treibstoff, Löhne und vorrangig auch für Technik sind ebenfalls gestiegen. Zum einen ist die Technik spürbar teurer geworden. Zum anderen reduziert sich durch die Verschiebung der Sperrfristen das Ausbringzeitfenster, was zwangsläufig zu einer verminderten Auslastung der Gülletechnik führt. 
  • Wenn dann noch lange Transportwege hinzukommen, steigen die Kosten mitunter erheblich an. 

In Einzelfällen kostete in der Vergangenheit bereits die Ausbringung inklusive Transport 10 €/m3. Damit wäre in diesen Fällen aktuell allenfalls eine Kostendeckung möglich. In den Vorjahren war es ein Zuschussgeschäft! Ganz grundsätzlich geht der pflanzenbauliche Wert der organischen Dünger aber bekanntlich weit über die vereinfacht dargestellten Nährstoffreferenzpreise von N, P und K hinaus. Denn sie enthalten auch Magnesium, Schwefel und wichtige Mikronähstoffe und leisten einen positiven Beitrag zur Humusreproduktion.

Für all diejenigen Betriebe, die sich in der Vergangenheit nicht um Organik bemüht haben, dürfte der Bezug neuer Mengen nicht ganz einfach werden. Eine kontinuierlich abstockende Tierhaltung lässt nicht erwarten, dass zusätzliche Mengen auf den Markt kommen. Der im Mai 2021 gezählte Bestand von 24,7 Mio. Schweinen fällt gegenüber den Boomjahren 2012 bis 2015 um 12 % niedriger aus. Biogasanlagen werden aktuell ebenfalls nicht mehr neu errichtet. Betriebe, die in der Vergangenheit bereits hohe Abgabekosten tragen mussten, haben sich teils innovative Gedanken zur Nährstoffaufbereitung gemacht. Und natürlich wissen auch die Tierhalter um die gestiegene Vorzüglichkeit der Organik, was sie entsprechend in Verhandlungen einbringen. Vor allem in der Schweinehaltung ist die wirtschaftliche Lage extrem angespannt, weshalb auf jeden Euro geschaut werden muss. 

Lohnt sich der Bau eines Behälters? Diese Frage wird für Ackerbauregionen immer wieder diskutiert. So ließen sich aus den viehintensiven Regionen überschüssige Nährstoffe abziehen. Diesbezüglich spielen die baurechtlichen Hürden und die Frage der Planungssicherheit neben der Frage der Wirtschaftlichkeit eine entscheidende Rolle. Denn inwieweit die Nutzung des Behälters in 10 bis 15 Jahren noch relevant ist, kann derzeit niemand sagen. Die Tierhaltung steht vor einem riesigen Strukturwandel, was zwangsläufig zu einer Reduktion der Organik führen wird. In Abhängigkeit von der Größe des Güllebehälters und den behördlichen Auflagen kostet die Errichtung zwischen 70 und 120 €/m3. In der nachfolgenden Kalkulation wird davon ausgegangen, dass der Behälter jährlich zweimal befüllt wird. Es ist eine Nutzungsdauer von 25 Jahren unterstellt bei einer Investition von 85 €/m3. Daraus ergeben sich Kosten von 2,5 €/m3 Lagerraum. Bei nur einmaliger Nutzung entsprechend 5 €/m3.

Entscheidend sind neben den Behälterkosten auch die Transportkosten der Gülle, die in Abhängigkeit der Entfernung und einer möglichen Rückfracht erheblich differieren können. Bei Entfernungen von 100 km ergeben sich bereits reine Transportkosten von etwa 11 €/m3 (Übersicht 2). Das entspricht aktuell dem gesamten Nährstoffwert. Will man die Nährstoffüberschüsse aus den Viehhaltungszentren herausbekommen, nehmen die notwendigen Entfernungen zu. Bei 200 km ohne Rückfrachtmöglichkeit kostet der Transport etwa 20 €/m3. Das ist ein Vielfaches des Nährstoffwertes. Aus Sicht der abgebenden Betriebe müssen diese zusätzlichen Kosten durch die Viehhaltung getragen werden. Das stellt eine enorme Mehrbelastung dar. 

Regulatorische Einschränkungen. Die Leitplanken, die von der Politik für den Einsatz von Organik vorgegeben werden, haben sich in den vergangenen Jahren massiv verschärft. Diese erhöhten Auflagen waren bis dato für viele Ackerbaubetriebe ein Grund, sich gegen organische Dünger zu entscheiden. Insgesamt gestaltet sich die Dokumenta­tion sehr komplex und erfordert von den Betrieben eine intensive Auseinandersetzung mit den aktuell gültigen Verordnungen. Zudem ist mit der Ausweisung der Roten Gebiete die Möglichkeit, Organik im Sommer/ Herbst auszubringen, nahezu komplett genommen worden. Und der vorgeschriebene um 20 % reduzierte N-Aufwand erfordert eine möglichst hohe N-Effizienz. Durch die erforderliche Anrechenbarkeit des Stickstoffs für organische Dünger ist diese aber nicht immer optimal gegeben.
Darüber hinaus war die Lagerung von Mist bzw. Hühnertrockenkot am Feldrand in der Vergangenheit gängige Praxis und recht einfach umsetzbar. Leider hat der Gesetzgeber auch diese Möglichkeiten stark eingeschränkt. Es besteht weiterhin eine generelle Abdeckungspflicht von Mist mit einer Folie oder einem Vlies sowie das Verbot der Zwischenlagerung von Geflügelfrischkot und sonstigen festen organischen Düngern wie Kompost, Gärresten, Klärschlamm oder Grünguthäcksel. Bei diesen ist lediglich eine kurzfristige Bereitstellung zur Aufbringung (eine bzw. zwei Wochen) zulässig. Die Zwischenlagerung ist nur auf landwirtschaftlichen Flächen für maximal sechs Monate gestattet.

Was bleibt festzuhalten? Die relative Vorzüglichkeit der Organik ist aktuell gestiegen. Wie lange diese Situation anhält, lässt sich jedoch nicht sicher vorhersagen. Wer sich ernsthaft mit dem Einsatz organischer Dünger auseinandersetzt, sollte dies unter langfristigen Aspekten tun und individuell auch die pflanzenbaulichen Vorteile beachten. Jeder muss für sich selbst abwägen, inwieweit die durchaus engen Restriktionen aus dem Ordnungsrecht und gegebenenfalls auch Nachteile bei der termingerechten Aussaat dagegensprechen.
Um sich ernsthaft über den Bau eines eigenen Lagers Gedanken zu machen, bedarf es ausreichend Planungssicherheit und einer strategischen Partnerschaft mit einem festen Betrieb. Es ist niemandem damit geholfen, sich Jahr für Jahr aufs Neue Gedanken um die Beschaffung machen zu müssen. Über die Preismodalitäten in der aktuell völlig verrückten Phase zu verhandeln, mag richtig sein. Doch wer am Aufbau langfristiger Lieferbeziehungen interessiert ist, sollte entsprechendes Fingerspitzengefühl mitbringen. Schließlich muss es für beide Seiten »passen«. 
Umsonst ist Organik also auch nicht. Sie kann lediglich einen Beitrag dazu leisten, das Düngerkonto zu entlasten. In einem funktionierenden Markt pendelt sich der Preis zwischen Angebot und Nachfrage ein. 

Albrecht Macke, BB Göttingen

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