Rapserdfloh. Wo der Anbau in Gefahr ist
Für die Rapsentwicklung kamen im vorigen Jahr einige unglückliche Umstände zusammen – einer davon waren regional enorme Erdflohmengen. Manja Landschreiber zeigt die Auswirkungen.
In diesem Frühjahr wurde das ganze Ausmaß der Summe an Problemen auf einigen Rapsflächen dramatisch sichtbar: Zum einen fehlende Pflanzen, sodass die notwendige Anzahl/m2 bei Weitem nicht erreicht wurde. Und zusätzlich präsentierten sich die verbliebenen Rapspflanzen in einem sehr schlechten Zustand. Raps zählt landläufig als Überlebenskünstler – die Entscheidung zum Umbruch wird dreimal überlegt. Trotzdem mussten Landwirte diese bittere Pille schlucken. Was war passiert?
Starke Niederschläge in Kombination mit Sauerstoffmangel haben einige Flächen bzw. Teilbereiche regelrecht absaufen lassen. Aber beim Aufschneiden der Pflanzen wurde schnell klar, dass auch der Rapserdfloh der Übeltäter war. Dessen Larven hatten es geschafft, bis zum Vegetationskegel vorzudringen. Ist der beschädigt, steht die weitere Entwicklung der Pflanzen unter keinem guten Stern. Der Haupttrieb kann sich nicht mehr richtig entwickeln, es werden vermehrt Seitentriebe gebildet und die Pflanzen geben ein eher buschiges Bild ab. Ertragsausfälle sind unweigerlich die Folge. Hätte man diesen extremen Schaden vermeiden können?
Blick zurück auf die Phase Rapsernte 2023 bis zur neuen Aussaat. Bei der Beerntung einiger Rapsfelder fielen die Unmengen von Rapserdflöhen auf, die sich zwischen den Körnern tummelten. Und auch erster Ausfallraps, der schon vor der Ernte in den Fahrspuren wuchs, zeigte erste Fraßlöcher. Da hätten schon die Alarmglocken klingeln müssen, denn das waren die ersten Anzeichen für ein mögliches hohes Käferpotential für die neue Aussaat.
Anschließend sind nicht alle Rapserdflöhe zur Sommerruhe in angrenzende Knicks oder Waldränder abgewandert. Mitunter sind sie einfach auf der Fläche geblieben. Besonders dort, wo Ausfallraps noch vor der Ernte auf der Fläche auflief und je nach Bearbeitungsintensität der Rapsstoppel (Feldhygiene!) ein schier unerschöpfliches Refugium für die Besiedlung bot. Wohlgemerkt – nicht überall in Deutschland war der Rapserdflohdruck so hoch. Vornehmlich waren die nördlichen sowie die östlichen Bundesländer betroffen. Dort kamen noch weitere, für die Rapsentwicklung unglückliche Umstände zusammen: In Schleswig-Holstein waren die Flächen wegen der Nässe lange nicht bearbeitbar, sodass sich die Aussaat in Richtung 23. August verschob. Dann sagte der Wetterbericht Starkregen voraus. Infolgedessen wurde die Rapssaat vielerorts noch schnell in die Erde gedrückt. Zum anschließenden Walzen der klutigen Böden verblieb kaum Zeit. Die vorhergesagten Regenereignisse sind dann nur vereinzelt aufgetreten, führten dort aber dann besonders auf schweren Böden zu massiver Verschlämmung.
Im Rest des Landes regnete es entweder gar nicht oder es fielen nach der Saat nur geringfügige Niederschläge, was vielerorts nur zu einem ersten Ankeimen der Saat führte. Fehlender Anschlussregen in Kombination mit klutigen Bodenverhältnissen und relativ hohe Temperaturen führten zu schlechten Keimbedingungen und einer problematischen Jugendentwicklung in den entscheidenden Wochen, ohne nennenswerten Blattzuwachs. Der Raps war häufig nicht in der Lage, den massiven Zuflug der Rapserdflöhe mit nachfolgendem Reifungsfraß zu verkraften.
Auch der Einsatz der Pyrethroide stand unter keinem guten Stern. Hohe Temperaturen tagsüber mit starker Sonneneinstrahlung sowie überdurchschnittlich hohe Temperaturen nachts sorgten dafür, dass die Wirkungsdauer der Pyrethroide nur sehr kurz war (maximal ein Tag). Hinzu kam, dass die vorhandene geringe Blattmasse kaum Benetzungspotential bot. Trotz nächtlicher Behandlung (Lichtempfindlichkeit der Käfer während des Reifungsfraßes), waren die Wirkungsgrade der Spritzungen extrem schlecht. Weiterer Zuflug der Käfer und gleichzeitig nicht wachsen wollender Raps ergaben eine denkbar ungünstige Konstellation. Trotz mehrerer Pyrethroid-Maßnahmen wurden einige Rapsbestände förmlich aufgefressen, sodass z. T. zu diesem Zeitpunkt schon die Notbremse gezogen wurde.
Und welche Rolle spielte der Faktor Resistenz? Dass die Wirkung der Pyrethroide nicht mehr so ist, wie z. B. vor 15 Jahren, ist wohl jedem Praktiker klar. Es kommt mittlerweile sehr häufig vor, dass augenscheinlich tote Käfer nach einer Behandlung auf die Hand genommen, wiedererwachen und munter weghüpfen. Die Resistenzentwicklung ist auch der Tatsache geschuldet, dass Rapserdflöhe in verschiedenen Entwicklungsstufen die gesamte Vegetationsperiode im Raps präsent sind. Folglich erreicht jede Pyrethroid-Spritzung, auch wenn der Rapserdfloh nicht das Zielobjekt ist, einen Teil der Population im Feld. Das bedeutet, der Rapserdfloh unterliegt einem ständigen Selektionsdruck. Die Anwendungshäufigkeit hat direkten Einfluss auf die Resistenzentwicklung.
Vom JKI durchgeführte Biotests weisen seit Jahren auf die Resistenzproblematik hin. Beim Rapserdfloh kann eine Knockdown-Resistenz (kdr) durch eine Punktmutation am Na-Kanalprotein, der Bindungsstelle für die Pyrethroide, auftreten. Dabei handelt es sich um eine Wirkort-Resistenz. Um zu klären, ob die kdr in Schleswig-Holstein verbreitet ist und ob auch bereits eine »super-kdr« auftritt, wurden im Frühjahr 2023 in einem zentralen Labor (BayerCropScience (Dr. R. Nauen, H. Köhler, B. Lueke) Larven von fünf Standorten einer molekularbiologischen Untersuchung unterzogen. Eine kdr, basierend auf der Mutation L1014F, kann sich im Biotest mit Resistenzfaktoren zwischen 20 und 50 bemerkbar machen, bei der super-kdr (L925I und M918T) liegen diese deutlich höher (bis zu 500). Zusätzlich ist eine metabolische Resistenz zumindest theoretisch möglich. In England verursacht diese zusätzlich zur kdr und s-kdr inzwischen starke Wirkungsverluste bei den Pyrethroiden. Was noch dazu kommt: Durch die Pyrethroideinsätze wird die Populationen der Laufkäfer beeinflusst, die die Eier des Rapserdflohs frisst.
Besonderheit des Entwicklungszyklus des Rapserdflohs im Herbst 2023. Im Schnitt der Jahre besiedelt der Rapserdfloh ab etwa Mitte September die neuen Rapsflächen, führt den Reifungsfraß durch und schreitet dann Anfang/Mitte Oktober zur Eiablage. Dabei können die Weibchen je nach Wetterlage auch noch im Spätherbst bzw. in den Wintermonaten Eier ablegen (laut Literatur 800 bis 1 000). Die Eiablage
erfolgt schubweise, es werden drei bis sechs Eier etwa 1 bis 2 cm tief in den Boden abgelegt. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven bewegen sich zur nächstgelegenen Rapspflanze und dringen dort in die Blattstiele ein. War dies erfolgreich, sind die Larven vor äußeren Einflüssen geschützt und können ungehindert fressen. Wird das Nahrungs- und/oder Platzangebot im Blattstiel knapp, bohren sich die Larven aus, bewegen sich auf dem Blattstiel und bohren sich dann wieder ein, um ihre Fraßtätigkeit wieder aufzunehmen.
Und im Herbst 23? Wegen der hohen Temperaturen verlief der Entwicklungszyklus des Rapserdflohs um ein Vielfaches schneller als sonst. Beispiel südöstliches Schleswig-Holstein: Mit der Aussaat Ende August besiedelten die Käfer entweder aus Nachbarflächen mit Ausfallraps oder aus angrenzenden Sommerquartieren die Flächen und haben an den Blättern des keimenden Rapses gefressen. Tagsüber hat man die Tiere kaum angetroffen, aber mit Beginn der Dämmerung kam Leben in die Bestände. Grund dafür ist die Lichtempfindlichkeit der Käfer, das heißt, sie sind während der Phase des Reifungsfraßes nachtaktiv. Je nach Standort wurden zwischen dem 15. und 20. September erste Käfer tagsüber beobachtet und es wurde die Bereitschaft zur Eiablage vermutet (Ende Phase Reifungsfraß). Stichprobenartige Kontrollen durch Herausquetschen der Eier ergaben erste vereinzelte Eier in den Weibchen am 19. September, aber eine deutliche Zunahme ab Anfang Oktober. Für die Eiablage werden feuchte Bedingungen benötigt, anhaltende Trockenheit mindert massiv die Schlupfrate der Larven. Im Lübecker Raum fiel erster Niederschlag am 13. September, erste Larven in den Blattstielen wurden dann Anfang Oktober beobachtet. Mit weiteren Niederschlägen und weiterhin milden Temperaturen boten sich sehr gute Bedingungen für die weitere Eiablage und die anschließende Larvenentwicklung. Mit der Notfallgenehmigung der teilsystemisch wirkenden Produkte Exirel und Minecto Gold bestand die Möglichkeit, mit einem Wirkstoff aus einer anderen Wirkstoffgruppe gezielt gegen die Larven vorzugehen. Gleichzeitig stellte sich die Frage nach dem perfekten Einsatztermin. Denn laut Notfallgenehmigung ist nur eine Anwendung möglich. Bei zu frühen Behandlungen bohrt sich ein Großteil der Larven erst nach der Spritzung ein und wird nicht mehr erfasst. Zu späte Behandlungen wiederum bergen die Gefahr, dass die Larven schon zu groß sind (L-3-Stadium) und die Wirkung nicht mehr ausreicht. Damit ist es unrealistisch, die Rapspflanzen befallsfrei zu halten. Es gibt beim Rapserdfloh keinen einheitlichen Startpunkt für die Eiablage, sondern es ist ein dynamischer Prozess, in den man mit einem teilsystemischen Produkt eingreift.
In einem von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein durchgeführten Versuch wurde durch Vorbonituren ein deutlicher Larvenzuwachs in den Blattstielen ab Mitte Oktober festgestellt. Eine Anwendung von Minecto Gold und Exirel am 17. Oktober folgte. In der Winterbonitur wurden gute Wirkungsgrade der Produkte festgestellt. Eine abschließende Bewertung steht noch aus, da die Frühjahrsbonitur noch im Gange ist. In der Praxis lagen die Anwendungstermine zwischen Mitte und Ende Oktober. Problematisch war die schlechte Befahrbarkeit der Flächen, einige notwendige Maßnahmen konnten daher nicht mehr durchgeführt werden.
Um zu klären, ob der Einsatz von Minecto Gold und Exirel notwendig ist, wurde im Warndienst Schleswig-Holsteins (Nr. 66 vom 10.10.23) eine Entscheidungshilfe gegeben. Grundlage dessen war eine intensive Kontrolle der einzelnen Rapsbestände, da wegen räumlich sehr unterschiedlichen Zuflugs jeder Schlag einzeln betrachtet werden musste. Ziel des Einsatzes von Minecto Gold oder Exirel ist Bekämpfung der Larven und Verhindern einer weiteren Eiablage. Es gibt dabei vier Szenarien:
- Szenario 1: Keine Vernarbungen/Bohrlöcher/Larven und die Bekämpfungsschwelle Käfer/Gelbschale ist nicht erreicht. Dann: keine Behandlung und weitere engmaschige Kontrolle.
- Szenario 2: Keine Vernarbungen, aber Bekämpfungsschwelle Käfer/Gelbschale ist überschritten. Dann: Einsatz eines Lambda-Cyhalothrin-haltigen Produktes, um die Eiablage zu verhindern (Termin nach Käferaktivität).
- Szenario 3: Vereinzelt erste Vernarbungen sichtbar, vorher hoher Käferdruck (+ schlechte Pyrethroid-Wirkung), es gab offenbar eine intensive Eiablage in den letzten Wochen und weitere Larven werden sich in die Blattstiele einbohren; keine bis kaum Käferaktivität. Dann: weitere Kontrolle des Rapsschlages, bei starker Larvenzunahme mit Minecto Gold oder Exirel behandeln, Termin laut Bekämpfungsschwelle, nicht zu früh behandeln.
- Szenario 4: Deutliche Vernarbungen/Anzahl Larven oberhalb der Bekämpfungsschwelle sichtbar und Käferaktivität oberhalb der Bekämpfungsschwelle, Käfer/Gelbschale vorhanden. Dann: Bekämpfung der Larven und Verhinderung weiterer Eiablage: Einsatz von Minecto Gold oder Exirel sobald das Wetter günstig ist.
Aber vor der Ja/Nein-Entscheidung über die Behandlung kann nicht abgeschätzt werden, wie sich der Raps im Winter und Frühjahr entwickelt. Bei deutlichem und anhaltendem Frost würde der Praktiker den Einsatz von Minecto Gold oder Exirel infrage stellen. Der Winter 23/24 war aber bis auf zwei Wochen mit leichtem Frost und gleichzeitiger Schneeauflage relativ mild, sodass die Larven sich ungehindert entwickeln konnten. Im Frühjahr ist auf vielen Flächen der Einsatz der teilsystemischen Produkte sichtbar, v. a., wenn eine Kontrolle gelassen wurde. Und für einige Flächen bestand keine Hoffnung mehr – sie mussten umgebrochen werden.