Wir hätten da noch ein paar Fragen ...

 

Betriebsstrukturen. Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer kann sich sein Gerede von der »sanften Agrarwende« künftig sparen. Diese Aufgabe übernimmt jetzt Franz-Josef Holzenkamp, Agrarsprecher der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion. Dieser will eine »Dialogplattform Landwirtschaft und Gesellschaft« ins Leben rufen, und deren Begründung liest sich stellenweise  so, als sei sie schon im Hinblick auf eine schwarz-grüne Koalitionsvereinbarung 2017 geschrieben. Eine Landwirtschaft, die auf »immer größer, schneller und weiter« ausgerichtet sei, werde die Branche in eine Sackgasse führen, weil nicht von der Gesellschaft getragen. Man wolle keine Verhältnisse wie in den USA, wo 0,2 % der Schweinehalter über die Hälfte der Tiere hielten, sondern »konkrete Kriterien für Bestandsgrößen« herausarbeiten. Ziel sei eine »von Familien betriebene, regional verankerte, flächendeckende Landwirtschaft«. Holzenkamp ist Landwirt und Abgeordneter für Cloppenburg. Beim Thema Intensivtierhaltung sollte er also wissen, wovon er redet. Mir müsste er jedoch drei Punkte genauer erklären.

Erstens: »Cloppenburg« prägt zwar die öffentliche Meinung und verhindert damit vielfach die Genehmigung neuer Ställe, ist aber nicht überall. Holzenkamp mag gern über seine Heimat und die dortigen Strukturen reden, sollte damit aber nicht ganz Deutschland den Nachholbedarf verweigern. Es gibt viele Regionen, die auch in Sachen Tierhaltung ruhig noch etwas mehr Größe, Tempo und Perspektive – sprich eher mehr als weniger »Agrarindustrie« – vertragen können. Die Schweinehaltung in Württemberg leidet unter zu zersplitterten Strukturen, in Ostdeutschland ist »im Prinzip« reichlich Platz für Emigranten aus Südoldenburg, und die in Bayern noch verbreitete Anbindehaltung von Kühen ist zwar »bäuerlich«, aber kein Zukunftsmodell.

Zweitens: Strukturdiskussionen vernebeln die eigentliche Herausforderung. Je mehr wir über Tierwohl wissen, umso mehr steigen die Anforderungen an die Haltungsbedingungen (aber bitte in dieser Reihenfolge!). Wie schaffen es margenknappe mittlere Betriebe, immer höheren Standards gerecht zu werden? Realistischen Betriebsleitern stehen nur zwei Wege offen: in Nischenbereichen (aber auch nur dort) mit besonderen Angeboten Premiumpreise zu erzielen oder weiter in die Größe zu wachsen – wie und mit wessen Kapital auch immer.

Drittens: Gebetsmühlenartig werden höhere Preise im Handel als Voraussetzung für mehr Tierwohl gefordert. Freiwillig zahlen leider die wenigsten dafür, deshalb entstand ja auch die Initiative Tierwohl. Sie ist ein Beitrag zur, aber keine generelle Lösung der »Tierhaltungsfrage«. Eine solche wird sich, wenn überhaupt, nur in mühsamen Schritten lösen lassen. Wer mehr verspricht, handelt unseriös. Aber das nehmen Politiker erfahrungsgemäß eher in Kauf, als sich vom »Gegner« vorantreiben zu lassen.

 

Thomas Preuße