Was ändert sich?

 

Das russische Importverbot für Agrarprodukte unter anderem aus der EU ist für die Agrarbranche und die Medien ein großes Thema. Die Frage ist, ob es tatsächlich eine so große Sache ist – und auch bleibt.

Auf der einen Seite stehen die von Präsident Putin düpierten Lieferanten aus dem Ausland. Diese geben sich – mit ausreichend Erfahrung in Sachen russischer Importverbote im Gepäck – insgesamt relativ gelassen, wenn man die hart getroffenen Obsterzeuger einmal außen vor lässt. Das russische Verbot wird die EU-Exporte an Schweinefleisch und Käse nicht einbrechen lassen, sondern sie in neue Bahnen lenken. Das kostet zwar Zeit und Geld, aber Brüssel hat angekündigt, im Zuge der Sanktionen erlittene Verluste zumindest zum Teil  auszugleichen.

Mittelfristig sind die Auswirkungen des russischen Importverbots schwer vorhersehbar. Bleibt es zeitlich im Rahmen, dauert es also nicht länger als ein Jahr, könnten die Exporteure in Ägypten, Brasilien, China sowie den zur russischen Zollunion gehörenden Ländern Kasachstan und Weißrussland zu den Gewinnern zählen. Letztere, weil über ihre Grenzen EU-Ware ganz legitim nach Russland fließen könnte.

Schwieriger wird es, sollte der Konflikt sich länger hinziehen. Von einer mehrjährigen teilweisen Abkehr vom Weltmarkt könnte in erster Linie die russische Landwirtschaft profitieren. Zumindest finanziell, wenn Moskau sein Versprechen wahr macht und die Fördermittel aufstockt. Aber selbst dann wird es Jahre dauern, bis Russland auf Lebensmittelimporte weitgehend verzichten kann.

Auf der anderen Seite wird das Embargo die Warenvielfalt in den Supermärkten Russlands einschränken und die Verkaufspreise dort mal mehr, mal weniger steigen lassen. Da können russische Politiker erzählen, was sie wollen: Wenn auf einen Schlag 44 % des in Russland verzehrten Käses wegfallen, weil der aus der EU kommt und deshalb nicht mehr erwünscht ist, wird das die Preise kräftig nach oben treiben. Gleiches gilt für  Schweinefleisch, für das die EU und Kanada zusammen zuletzt zwei Drittel der Einfuhren Russlands stellten.  Allerdings ist deren Bedeutung für die Versorgung im Inland geringer, was den Einfluss auf die Verbraucherpreise begrenzt. Und falls alle Stricke reißen, kann Moskau die Verkaufspreise im Handel immer noch per Dekret deckeln.

Letzten Endes beschleunigt der Boykott Moskaus lediglich einen bereits laufenden Prozess, der beim Geflügelfleisch am deutlichsten zu sehen ist: Der Weg Russlands hin zu einer steigenden Eigenproduktion und rückläufigen Exporten. Positiv betrachtet ist der Boykott für uns ein Weckruf, sich verstärkt den  Wachstumsmärkten Asiens und Nordafrikas zuzuwenden.

 

Markus Wolf