Scherbenhaufen

 

Tierwohllabel. Minister Schmidt hat Ende April die Katze aus dem Sack gelassen und die Kriterien für sein neues Tierwohllabel herausgegeben. Damit stellen sich folgende Fragen:

• Gewinnt die Landwirtschaft in Sachen Tierwohl das arg ramponierte gesellschaftliche Vertrauen zurück?

• Lassen sich die Kriterien bau- und umweltrechtlich überhaupt umsetzen?

• Bietet das Label Landwirten eine Chance, wieder nachhaltig auskömmliche Margen zu erzielen?

• Und schließlich, das ist für mich der wichtigste Aspekt: Verändert sich für die Tiere in unseren Ställen kurzfristig etwas zum Besseren?

Alle Fragen müssen aus meiner Sicht derzeit mit einem klaren »Nein« beantwortet werden. Die Berliner Pläne werden sich für die deutschen Schweinehalter und damit auch den nationalen Tierschutz vermutlich sogar kontraproduktiv auswirken. Wir brauchen nach der Initiative Tierwohl und bei der ohnehin schon völlig unübersichtlichen Siegelflut kein zusätzliches staatliches Siegel mehr. 

Die durch den Minister geschürte Erwartung, man könne derart umfangreiche Zusatzleistungen auf Erzeugerseite für 20 Prozent an Mehrkosten produzieren, ist fachlich nicht nachvollziehbar. Im LEH würde das Fleisch nur zu wesentlich höheren Preisen angeboten werden können. Aber diese Aussage wird nach der Bundestagswahl den Druck auf den Gesetzgeber erhöhen, die vom BMEL herausgegebenen Kriterien bei einer derart geringen finanziellen Mehrbelastung doch gleich ins Ordnungsrecht zu überführen.

Zudem wäre das staatliche Siegel der Todesstoß für viele Regionalprogramme und auch für die Initiative Tierwohl. Warum sollte der LEH sich noch an der Finanzierung eines »freiwilligen Systems« beteiligen, wenn der Staat die Messlatte derart hochlegt? Und den Tierschutzorganisationen reicht das alles ohnehin nicht: Sofort nach der Pressekonferenz des Ministers hat der Deutsche Tierschutzbundes den Ausstieg aus dem staatlichen Tierwohllabel bekannt gegeben. Verbraucherschützer kritisieren die Kriterien als völlig unzureichend.

Die Tierschutzpolitik der Bundesregierung steht damit vor einem Dilemma. Die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für Tierwohlfleisch wird selbst von Tierschützern bezweifelt. Die fordern deshalb, dass sich der Einzelhandel verpflichten müsse, kein Fleisch mehr ohne Label anzubieten. Denn staatliches Labelfleisch habe im Markt nur dann eine Chance, wenn preiswerte Standardware ausgelistet werde. In einer freien Marktwirtschaft ist dies allerdings reine Utopie. Nationale Alleingänge – ob nun mit oder ohne Label – verlagern nur Marktanteile ins Ausland. Denn eines ist sicher: Der Verbraucher wird und will auch in Zukunft mehrheitlich vor allem preisorientiert einkaufen – ob mit oder ohne Tierwohl.

 

Dr. Albert Hortmann-Scholten