Neue Marktkoordinaten

 

Geht es Ihnen auch so? Mich ärgert es, wenn viele Mitbürger, Zeitgenossen, aber auf jeden Fall Gutmenschen einen daherschwafeln von wegen Spekulation, Biosprit und zu viel Bioenergiemais sowie die daraus resultierende Nahrungsmittelknappheit und deren Folgen für die Welternährung. Aber wie sollten die es auch besser wissen? Besonders Fernsehen und Kirchen machen sich diese Themen zu eigen, weil es gerade dem allgemeinen Empfinden entspricht. Eine klare Analyse ist nicht gefragt, denn das Thema ist komplex und plakative Bilder verkaufen sich besser. Dahinter verbirgt sich schlicht Ignoranz, denn das aktuelle Jahr beweist, dass die Ursachen für Knappheit (bzw. Überfluss) nicht böse Menschen in dunklen Hinterzimmern sind, sondern schlicht ein uraltes biblisches Thema: der Wechsel von Missernten und Rekorderträgen.

Über unsere Medien und Mitbürger mag man klagen, über schlechte Preise und Rekordernten nicht – vor allem nach drei hervorragenden Jahren. 2014 sind wieder einmal die Rekorderträge dran. Das war nicht zu erwarten, aber es kam dennoch. Und möglicherweise wiederholt es sich sogar 2015 noch einmal, wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass 400 €/t für Raps und 200 €/t für Weizen keine in Stein gemeißelte Größen sind. Es können auch mal wieder 280 bzw. 140 €/t sein. Die  Tierhalter mag es freuen, deren Bilanzen sich verbessern, auch wenn die Schweinepreise in den letzten Wochen nachgegeben haben.Jahre wie dieses zeigen, dass als allgemeingültig geltende Koordinaten nicht stimmen müssen. Das betrifft die langfristige Preisentwicklung ebenso wie die Frage der Welternährung. Auch geopolitisch verändern sich unsere Rahmenbedingungen. Die Konflikte in der Ukraine, Syrien, dem Irak oder die Annäherung des Iran an den Westen wirken sich auf die Handelsströme aus und beeinflussen damit unsere Agrarpreise. Das alles sollte Anlass genug geben, auch die Koordinaten auf Ihrem Betrieb zu überprüfen. Spielt die neue (und leider teure) Technik wirklich das Geld ein, das sie kostet? Ist jeder ha zusätzliches Land wirklich die Pacht wert, für deren Zahlung Sie sich auf neun oder zwölf Jahre verpflichten? Trägt die Tierhaltung auch dann noch, wenn die Auflagen und der öffentliche

Druck steigen? Müssen Pflanzenschutz und Düngung auf Luxusniveau gefahren werden? Und vor allem: Deckt der Betrieb auch bei schlechten Preisen die finanziellen Ansprüche der Familie, hat er also langfristig Zukunft?

Die meisten Betriebsleiter werden diese Fragen – vor allem die letzte – hoffentlich mit »ja«  beantworten können. Aber auf eine kritische Analyse sollten Sie sich auf jeden Fall einlassen.

 

Christian Bickert