Lehman 2.0?

 

Preiskrise. Mittlerweile haben wir uns an das Auf und Ab der Agrarpreise gewöhnt. Die Volatilität gehört zum Geschäft. Und trotzdem ist man nicht vor Überraschungen sicher. Eine Konstellation wie in den vergangenen Wochen und Monaten, mit deutlich sinkenden Preisen für Getreide, Milch und Schweinefleisch, besitzt (dankenswerterweise) Seltenheitswert. Hinter den einzelnen Preisentwicklungen stehen einerseits tatsächliche Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage, andererseits die Erwartung sich verändernder Versorgungsbilanzen auf regionaler oder globaler Ebene. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass die Preismisere weit über den Agrarsektor hinausreicht.
Ob Erdöl, Gold, Edelstahl oder eben Schweinebäuche – Rohstoffe sind derzeit nicht sehr gefragt. Das war zuletzt 2009 nach der Lehman-Pleite der Fall. Aber ist die Situation heute mit der damaligen vergleichbar? Eher nicht, denn es droht kein Zahlungsausfall eines »systemrelevanten Finanzinstituts« oder einer »systemrelevanten Regierung«. Es ist also keine Lehman-Situation absehbar, dennoch herrscht am Markt ein »Lehman-Gefühl« vor.
Neben den niedrigen Rohstoffpreisen verstärkt eine Reihe schwacher Währungen die trübe Stimmung. Denn dadurch verteuern sich die Rohstoffimporte der betroffenen Nationen. Auch wenn das letztlich alle betrifft, das Hauptaugenmerk liegt auf einem Land: China. Chinas Wirtschaft wächst langsamer als erwartet, China wertet die Landeswährung ab, China baut weniger Straßen und Häuser – die Medien quellen über von »schlechten« Meldungen. Die Konzentration auf das Land ist verständlich, denn China gab jahrelang das Zugpferd der Weltwirtschaft. Noch heute gehen 47 % aller weltweit gehandelten Rohstoffe dorthin. Insofern bekommt es tatsächlich die ganze Welt zu spüren, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Dabei geraten andere mögliche Erklärungen aus dem Blickfeld.
So haben sich die großen Agrarexporteure wie die EU jahrelang darauf verlassen, dass die Schwellenländer immer wohlhabender werden und dabei als Ventil für unsere stetig zunehmende Getreide- und Milcherzeugung herhalten. Nun zeigt sich am Beispiel Chinas, was passiert, wenn dieser eingefahrene Warenfluss ins Stocken gerät: Wer die Produktion nicht schnell genug anpassen kann (oder will), muss sich nach anderen Absatzmärkten umsehen. Und zwar schnell, bevor die Preise weiter in den Keller rutschen. Aber egal, was nun der Auslöser für das derzeitige Preistal ist, es zeigt dreierlei: Volatilität gehört zum Geschäft. Die Konzentration auf nur einen großen Wachstumsmarkt birgt Risiken. Und wer im Export weiter wachsen will, braucht neue Abnehmer.

 

Markus Wolf