Kurzfristiges Denken kann langfristig teuer werden

 

Ackerbau. Enge Fruchtfolgen, extensive Bodenbearbeitung, frühe Saat und/oder einseitige Wirkstoffauswahl: Über kurz oder lang sind ein wachsender Ungras-, Schaderreger- und Resistenzdruck die Folge. Niemand möchte da hilflos sein. Aber wirklich neue Pflanzenschutzmittel sind – entgegen gelegentlicher Botschaften aus der Industrie von den »vollen Pipelines« – in den nächsten Jahren kaum zu erwarten. Im Gegenteil: Selbst die derzeitigen Möglichkeiten dürften staatlicherseits weiter eingeschränkt werden, vom Glyphosat über einige Azole bis hin zu den paar Insektiziden, die es überhaupt noch gibt.
Das sollte bei Landwirten nicht nur die Alarmglocken läuten lassen, sondern auch Konsequenzen nach sich ziehen. Aber man hat den Eindruck, das Kind müsse dazu noch tiefer in den Brunnen gefallen sein. Warum tun sich viele Praktiker so schwer damit, sozusagen »vorausschauend einen nachhaltigen Ackerbau« zu betreiben? Eine Antwort ist tief in der Psychologie der Risikowahrnehmung und auch -verdrängung zu suchen. Natürlich wissen die meisten Landwirte, dass da »etwas« auf sie zukommt. Aber solange sie dieses Etwas nicht greifen, das heißt den Fuchsschwanz noch bekämpfen oder keinen Ertragsausfall wahrnehmen können, solange blenden sie das Thema aus. Denn gerade im Fall von Resistenzen kann niemand sagen, was im Einzelfall eintritt und vor allem wann.
Auch langjährige Erfahrungen stehen hinter dieser Haltung. Seit Beginn der 90er Jahre spielt der Begriff »Ackerbau« nur noch eine untergeordnete Rolle. Das neue Schlagwort ist seitdem – vor dem Hintergrund der großen Schläge in Ostdeutschland – »Effizienz«. Bis 2007 gewann es durch Niedrigstpreise für Getreide an Gewicht, jetzt wieder. Gleichzeitig trat die Pflanzenschutz-Industrie einen Innovations-Siegeszug ohnegleichen an. Für jedes Problem gab es auch bald eine direkt wirksame Lösung.
Eine wichtige Rolle spielt auch die Betriebswirtschaft. Jeder Landwirt möchte in Arbeitskreis-Vergleichen zu den obersten 25 % gehören. Das erreicht er bei den üblichen ex post-Betrachtungen aber nur, wenn er von Jahr zu Jahr denkt und keine Zukunftskosten einpreist. Nicht zuletzt ist es furchtbar schwer, langjährig eingefahrene und profitable Systeme, auf die Kopf und Betriebsorganisation abgestellt sind, durch weniger attraktive Alternativen zu ersetzen.
Erhobene Zeigefinger ändern an dieser Situation natürlich ebenso wenig wie wohlmeinende Zeitschriftenkommentare. Einen ackerbaulichen »Idealzustand« wird es nicht über Nacht geben. Wichtig ist aber, über Versuche oder Herantasten auf dem eigenen Betrieb einen »Plan B« nicht nur im Kopf zu haben, sondern auch mal auf dem Feld auszuprobieren. Damit der »Fall des Falles« am Ende nicht richtig teuer wird.

 

Thomas Preuße