Ist Tierwohl plötzlich zweitrangig?

 

Niedersachsen. Anbindehaltung im Allgemeinen und die ganzjährige Anbindehaltung im Speziellen wird wohl niemand als besonders tiergerecht einstufen. Von daher ist der Verbotsantrag für die ganzjährige Anbindehaltung, den das Land Hessen kürzlich in den Bundesrat eingebracht hat, zu begrüßen. Auch eine Übergangsfrist von zwölf Jahren für die kleinen, familiengeführten Betriebe sieht der Antrag bereits vor. Man sollte also meinen, die grün besetzten Landwirtschaftsministerien seien sofort dabei. Sind sie es doch – und allen voran der niedersächsische Minister Meyer – die sich den Tierschutz auf die Fahnen schreiben. Aber ausgerechnet auf Antrag Niedersachsens wurde die  Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagt: Man sehe noch »Beratungsbedarf«. Den hätte man eher aus Bayern erwartet. Zumal Niedersachsen in seiner Tierschutzleitlinie festgeschrieben hat, dass bei Anbindehaltung die Tiere entweder Zugang zu einem Laufhof oder im Sommer  Weidegang haben müssen. Ausnahmen gelten nur »in begründeten Einzelfällen für auslaufende Rinderhaltungen in beengter Dorflage«.
Warum sich ausgerechnet Niedersachsen jetzt sperrt, lässt daher auch Berater und Branchenkenner rat- und fassungslos. Die Vermutung liegt nahe, dass es um reine Klientelpolitik geht: Das Verbot trifft eben nicht die großen Betriebe, sondern die kleinen und damit das grüne Wunschbild. Der Fall zeigt aber, dass die Behauptung, kleine Betriebe seien generell tiergerechter, nicht zutrifft. Dabei wäre es ein echtes Armutszeugnis, die Interessen einiger weniger Betriebe – und mehr als eine Handvoll kann es kaum sein – über dasTierwohl zu stellen. Wer erklärt uns das?

 

Katharina Heil