Ein Plädoyer für mehr Freiheit

 

Wissenschaft. Geht es Ihnen auch so? Bei vielen wissenschaftlichen Projekten von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen mag man sich die Haare raufen: Wer hat sich dieses schräge Projekt denn ausgedacht, fragt man sich gelegentlich. Es geht dabei ganz oft um Digitalisierung, künstliche Intelligenz und fast immer um Umwelt- und Insektenschutz, aber selten um Fragen, die absehbar der praktischen Landwirtschaft helfen können.

»Wissenschaft soll frei sein« lautet ein Credo, zu dem sich Politik und Hochschulen gerne bekennen. Jawohl, sie sollte frei sein! Frei heißt aber, dass die Institute und Professuren aus einem eigenen Etat heraus frei bestimmen können, an was sie forschen und nicht an dem, wofür sie von Politikern Geld bekommen (oder eben nicht). Doch von dieser Freiheit sind wir heute weit entfernt. Professoren an Hochschulen haben kaum ein Budget, das zu mehr reicht, als den Lehrauftrag zu erfüllen und bestenfalls eine Handvoll Mitarbeiter zu bezahlen. Wer wirklich forschen will, braucht Drittmittel – und die kommen zu etwa zwei Dritteln vom Bund bzw. den Ländern. Alleine die DFG vergibt über 3 Mrd. € im Jahr, die Helmholtz-Forschungsgemeinschaft hat weitere 3 Mrd. € zur Verfügung. Daneben gibt es eine Vielzahl halböffentlicher Gesellschaften, die Bundesmittel (etwa über die BLE) an Hochschulen und Forschungseinrichtungen verteilen. Für eine Förderzusage schreiben Forscher am besten eines der drei vorgenannten Worte in den Projektantrag. Klingt gut und hat die besten Chancen auf Bewilligung.

Frei ist diese Wissenschaft aber nicht mehr, denn sie kann nur noch erforschen, wofür die Politiker an den Schalthebeln der Bewilligung Geld geben. Und die Ergebnisse sind durch die im Antrag festgelegten Rahmenbedingungen oft auch schon vorbestimmt. Nein, Freiheit wäre, stattete man die Hochschulen mit eigenem Geld aus und ließe die Professoren an dem forschen, was sie für sinnvoll erachten. Stattdessen betreiben wir Forschungslenkung durch Drittmittel.

Ähnlich verhält es sich auch mit der Vermittlung von Wissen in die (Agrar) Praxis: Kaum ein Feldtag von oder unter Beteiligung eines Amtes, an dem nicht politisch korrekt, aber fachlich zweifelhaft beraten wird. Da werden Sojabohnen in alle Höhen gelobt, sämtliche Hacken und Striegel (aber nicht eine Pflanzenschutzneuerung) präsentiert, da wird von digitaler Unkrautbekämpfung gefaselt und von technischen Lösungen gesprochen, die bestenfalls am Horizont zu erahnen sind. Unnötig zu sagen, dass die Wirtschaftlichkeit oft keine Rolle mehr spielt. »Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire«, schrieb Friedrich Schiller im Don Carlos. Gebt der Wissenschaft und der amtlichen Beratung ihre Freiheit zurück – das würde der Dichter heute vermutlich fordern.

 

Dr. Christian Bickert