Ein Land – zwei Welten ...

 

... zwei Sprachen?

Zwei Bilder prägten sich mir im Urlaub ein: Da war der junge Münchner aus der IT Branche, der nach dem Mittagessen ins firmeneigene Fitnessstudio mit Masseur ging. Eine Lounge gehört natürlich ebenso zum Arbeitsumfeld wie die Massagesessel im Ruheraum. Und da war der Bergbauer, der mit dem Heurechen in Steillagen noch dem letzten Grashalm nachging. Beide leben in einem Land, im gleichen Wirtschaftsraum, beide sind aufeinander angewiesen (der Bergbauer benutzt das Internet, der Münchner trinkt Milch), beide haben die gleichen Bildungschancen und sprechen die gleiche Sprache.
Nein, Letzteres tun sie nicht. Sie können sich nicht verstehen, denn ihre Lebenswelten haben sich in den vergangenen 30 Jahren extrem auseinanderentwickelt. Niemand kann dem Münchner IT-Spezialisten erklären, warum er mit seinem Geld Bergbauern am Leben erhalten soll. Und wenn schon, warum dann nicht alle Landwirte so wirtschaften.
Und niemand kann dem Bergbauern erklären, warum gestresste Büroarbeiter einen Fitnessraum benötigen. Schon gar nicht kann man den Kindern des Bergbauern erklären, warum sie schweißtreibend mit den Händen im Berg Futter werben und anschließend im Stall die Kuh melken sollen, während ihr Altersgenosse im Massagesessel Platz nimmt und anschließend seine Maß im Englischen Garten trinkt. Unnötig zu erwähnen, dass trotz höherer Wohnungskosten sich der Münchner 14 Tage Alpenurlaub leisten kann, der Bergbauer aber nicht 14 Tage Urlaub in München. Was bleibt, ist ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft. Und der ist nicht zu kitten – jedenfalls nicht zwischen Großstädtern und Bergbauern.

 

Foto: Christian Bickert