Ein Herbstmärchen in Hannover

 

Agritechnica. Krise fühlt sich irgendwie anders an. Während der Agritechnica-Tage war sie jedenfalls nicht präsent. Mit 450 000 Besuchern war die Ausstellung so voll wie zwei Jahre zuvor. Aussteller berichteten übereinstimmend von Gesprächen, die über das Interesse an der Technik hinaus auch konkrete Geschäfte vermuten lassen. In einer Umfrage äußerten mehr als zwei Drittel der Besucher konkrete Investitionsabsichten in den nächsten beiden Jahren.
Liegt das Messegelände in Hannover auf einem anderen Stern? Haben Aussteller und Besucher sieben Tage lang Karneval gefeiert, ohne sich um die Wirklichkeit zu kümmern, die uns tagtäglich in Form dauerhaft niedriger Schweinepreise, katastrophaler Milchpreise oder enger werdender Rentabilität im Ackerbau um die Ohren fliegt? In der zunehmend Betriebe aufgeben, weil sie schlicht nicht mehr können? Wie lässt sich die gute Stimmung erklären, die auch viele Aussteller so nicht erwartet haben? Ein Zyniker würde dazu sagen: »Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter«. Mit einer solchen fatalistischen Wurstigkeit lässt sich die Agritechnica aber gerade nicht greifen. Eher das Gegenteil trifft zu: Die Banken lassen Landwirte mit hoher Produktionskompetenz nicht hängen. Und das Vertrauen, Krisen wie diese durchstehen zu können, ist mit den Erfahrungen der letzten Jahre gewachsen. Volatilitäten am Markt sind kein Schreckgespenst mehr, sondern eine Herausforderung, mit der man umgehen muss und kann.
Die Zahlen lassen sich nicht wegdiskutieren. Aber ein solches Grundvertrauen ist schon die halbe Miete für die Zukunft.

 

Thomas Preuße