Ausgang ungewiss

 

Handelsstreit. Wenn Sie diese Ausgabe in Händen halten, sind es nur noch wenige Tage, bis die USA im Handelsstreit mit China erneut an der Eskalationsspirale drehen. Ab dem 6. Juli will die Trump-Regierung (sofern nichts Überraschendes dazwischenkommt) auf mehrere Hundert Produkte »Made in China« Zusatzzölle im Gesamtwert von 34 Mrd. US-$ kassieren; eine Liste mit weiteren Gütern im Wert von 16 Mrd. US-$ soll folgen. Chinas Führung ihrerseits handelt getreu der Maxime »Auge um Auge, Zahn um Zahn« mit Gegenzöllen in gleichem Umfang und gleicher Höhe. Nur mit dem Unterschied, dass Peking gezielt Agrarrohstoffe mit auf die Liste gesetzt hat (Seite 50).

Die Gegenzölle beispielsweise auf Sojabohnen, Schweinefleisch, Milchprodukte sowie Sorghum und Weizen versetzen die Landwirte in den USA in Alarmbereitschaft. Und das zurecht. Zwar geht es hier nicht um einen vollständigen Boykott, wie etwa Russland es bei Milcherzeugnissen aus dem »Westen« seit 2014 handhabt. Und die Zölle sind auch nicht so hoch, als dass der Handel komplett zum Erliegen käme. Vor allem bei Sojabohnen aber wären die Folgen für die US-Seite wohl gravierend – sofern China Ernst macht und die Zölle tatsächlich über längere Zeit aufrechterhält.

Das ist noch lange nicht ausgemacht, denn zum einen schaden Zölle Unternehmen und Landwirten auf beiden Seiten des Pazifiks. Und zum anderen kann China seinen Bedarf an Sojabohnen auf Dauer nicht ohne Lieferungen aus den USA decken. Gut möglich ist aber, dass ein länger andauernder Konflikt zwischen den USA und Peking etablierte Handelsströme austrocknen, sie umleiten oder aufsplitten und zu neuen Zielen führen wird. So wie bei Käse aus der EU, der – einst für Russland bestimmt – nun vermehrt nach Asien geht, kauft Peking derzeit verstärkt Sojabohnen aus Brasilien.

Für uns in Deutschland könnte der Konflikt Chancen für mehr Schweinefleischlieferungen nach China bringen (und auch nach Mexiko, das ebenfalls mit den USA im Clinch liegt). Möglich auch, dass das nach außen hin halsstarrig und unvorhersehbar wirkende Verhalten Donald Trumps im Rest der Welt zu neuen Handelsallianzen führen wird.

Auf der anderen Seite der Medaille steht die Frage, was etwa mit den US-Sojaexporten passieren wird, falls China seine Käufe tatsächlich deutlich zurückfährt. Die dürften in die EU drücken, den nach China zweitgrößten Käufer. Oder was mit den Rapspreisen, sollte China verstärkt Sojabohnen durch Raps aus der Ukraine, Australien und/oder Kanada ersetzen? Das würde die Rapspreise auch bei uns stützen. Aber was, wenn beides zur gleichen Zeit geschähe? Ausgang ungewiss. Das Beispiel zeigt, dass die Errichtung neuer Zollmauern in einer derart globalisierten und vernetzten Welt wie heute unvorhersehbare Auswirkungen haben kann und Betroffene und Profiteure nicht von vornherein feststehen.

 

 

 

Markus Wolf