Alle sind in der Pflicht

 

Milchpreise. Landwirte und Molkereien sind sich einig: Der Lebensmittel-Einzelhandel darf die Preise nicht weiter drücken. Und wenn er mehr Nachhaltigkeit oder gentechnikfreie Fütterung einfordert, muss er das auch bezahlen. Das ist richtig. Aber es ist zu einfach, die Ursachen für die Preismisere allein dem LEH in die Schuhe zu schieben. Das Problem ist, dass jeder an der Kette Beteiligte nur seinen eigenen Vorteil sieht und nicht das große Ganze.
Warum unterbieten sich die Molkereien in Preisverhandlungen gegenseitig, statt geschlossen dem – scheinbar – übermächtigen Handel gegenüberzutreten? Warum fordern auch sie von den Erzeugern Nachhaltigkeitsprogramme ein, verkaufen den Mehrwert aber nicht teurer an die Abnehmer weiter? Warum sträuben sie sich so, Preise z. B. an den Warenterminbörsen abzusichern und diese Sicherheit an ihre Erzeuger weiterzureichen?
Es liegt in der Pflicht und Verantwortung der Molkereien, starke Marken und Produkte zu entwickeln, um eine möglichst hohe Wertschöpfung zu erzielen. Der alleinige Bau von Pulvertürmen kann nicht die Lösung sein. Zu dieser Verantwortung gehört auch, den Lieferanten klar zu machen, dass nicht jede Mengensteigerung verarbeitet und vor allem lukrativ vermarktet werden kann. Erste Ansätze für Liefermodelle, die dem entgegenwirken, gibt es ja bereits.
Es ist aber auch die Pflicht der Landwirte, ihre Verarbeiter zu fordern, die ihnen ja zum Teil gehören. Dazu gehört es auch, Preis- und Lieferbeziehungen gemeinsam konkret zu gestalten. In Staunen hatte kürzlich die außerordentliche Vertreterversammlung des DMK versetzt. Die größte deutsche Molkereigenossenschaft befindet sich – allen Versprechungen bei der Gründung zum Trotz – regelmäßig am unteren Ende der Auszahlungstabelle. Wie kann es da sein, dass diese Versammlung erst von den Genossenschaftsmitgliedern erzwungen wird und dann 85 % der Vertreter die Gesamtstrategie abnicken?
Natürlich sind auch die Milcherzeuger in der Pflicht. Zwar sind sie am Ende der Kette das schwächste Glied. Aber sie müssen sich Gedanken machen, wie sinnvoll das Melken auf »Teufel komm raus« ist. Auch wenn es aus Sicht des einzelnen Betriebes nachvollziehbar ist, die Fixkosten auf eine größere Menge zu verteilen: Solange keine Verwertung für die Milch da ist, gehen die Preise noch weiter in den Keller. Aber ist die Hoffnung, dass der Nachbar früher aufgeben muss, der richtige Weg?
Die Preisaussichten für dieses Jahr sind nicht gut. Das wird sich absehbar auch nicht ändern, solange die  gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht aufhören und nicht alle Beteiligten gemeinsam Lösungen suchen. Es ist höchste Zeit!

 

Katharina Heil