Zurück zur Normalität

Finanzierung. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass es Kredite für schnelles Wachstum praktisch gratis gab. Aber dieser Zustand war weit entfernt von Normalität. Normal ist dagegen der Zustand, zu dem wir aktuell zurückkehren: ein Umfeld, in dem Kapital angemessen bewertet wird, um angemessene Renditen zu erzielen. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren liegen die Topkonditionen der Landwirtschaftlichen Rentenbank nach einigen Erhöhungsschritten wieder bei fast 4 %. Drei Gründe sprechen dafür, sich des Themas jetzt anzunehmen:

  • Massives Kreditwachstum. Landwirte haben die vergangenen zehn Jahre der Nullzinspolitik genutzt und Investitionen durch günstiges Geld finanziert. Das Kreditvolumen hat sich nach Zahlen der Bundesbank von insgesamt 44,8 auf 56,9 Mrd. € erhöht.  Wachstumsbetriebe weisen eine steigende Verschuldung auf, Finanzierungsanteile ohne Absicherung nehmen zu, das Eigenkapital in den Betrieben sinkt – und damit deren Stabilität.
  • Steigende Kapitalintensität. Aufgrund des zunehmenden Einsatzes von Fremdfaktoren (Boden, Kapital, Arbeit) ist die traditionell hohe Bedeutung der Realkredite zunehmend durch Personalkredite abgelöst worden. Dabei erfolgt die Bonitätseinstufung des Darlehensnehmers nicht mehr nach dessen Vermögensverhältnissen, sondern basiert auf der Einschätzung der Sicherheit, dass er den Kapitaldienst aus dem laufenden bzw. zu finanzierenden Geschäft bedienen kann. Das erfordert ein professionelles Berichtswesen. Wird ein Betrieb, der in den vergangenen Jahren eindrucksvoll gewachsen ist, kaufmännisch noch genauso geführt wie vorher, entstehen jetzt bei der Bank berechtigte Zweifel.
  • Anstehende Anschlussfinanzierung. Drei, vier oder noch mehr Prozent Zinsdifferenz gehen zulasten der Rendite. Eng kalkulierte Investitionen sind dann nicht mehr rentabel und führen – aus Sicht der Bank – zu einer Erhöhung des Ausfallrisikos. Außerdem werden durch höhere Zinsen die Kurse für die Wertpapieranlagen der Finanzinstitute gedrückt. Nach Aussage der Bundesbank haben die Banken im Zuge dieser Verluste ihre stillen Reserven bereits weitgehend aufgebraucht. Das dämpft die Kreditvergabe.

Das Kreditneugeschäft für die nächsten sechs Monate liegt bei nur noch mäßigen 5,8 Mrd. €. Die Gründe liegen auf der Hand: große Unsicherheit hinsichtlich politischer Entscheidungen, Fachkräftemangel und zu viele bürokratische Hürden. Wie der Jahresbericht des  Nationalen Normenkontrollrates zeigt, kosteten neue Gesetze die Landwirtschaft allein im vergangenen Jahr über 300 Mio. €. Keine Branche ist stärker belastet. Das hemmt die Investitionsneigung erheblich. Mehr noch als steigende Zinsen!

Thomas Künzel