Wenn der Riese wankt

China. Im Frühjahr bekam die ganze Welt die Folgen von Chinas »Null-Toleranz«-Politik in Sachen Corona zu spüren. Der über Shanghai – wichtigste Wirtschaftsmetropole des Landes und der Welt größter Containerhafen – verhängte zweimonatige Lockdown hatte massive negative Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten. Nun bekommt auch der Binnenmarkt die Folgen des rigorosen Vorgehens der Zentralregierung beim Nachweis von Coronainfektionen zu spüren. Ständige Massentests, Reisebeschränkungen und abgeriegelte Millionenstädte haben das Wirtschaftswachstum in China im 2. Quartal auf 0,4 % einbrechen lassen – das planwirtschaftliche Ziel von + 5,5 % für das Gesamtjahr scheint kaum noch erreichbar.

Weniger Wachstum bedeutet weniger Konsum. Und weniger Konsum, das schlägt auch auf hochwertige Nahrungsmittel durch. An Chinas Appetit auf Fleisch und Milch hängen aber große Teile des Weltagrarhandels. So nimmt China etwa 54 % der weltweiten Ölsaaten- und 53 % der Milchpulverimporte ab. Außerdem gehen 25 % aller Fleisch-, 12 % der Getreide und 10 % der Pflanzenöleinfuhren dorthin. Essen die Chinesen weniger Schweinefleisch, trifft das die internationalen Sojabohnen- und Futtergetreidelieferanten ebenso wie die Anbieter von Schweinefleisch. Setzen die EU-Exporteure weniger Schweinefleisch in China ab, schlägt das auch auf die Erzeugerpreise der Schweinehalter in Deutschland durch.

Eine weniger strikte Coronapolitik wäre der einfache Weg, die Binnennachfrage Chinas zu steigern. Ob die Zentralregierung ihn gehen wird, ist offen. Dass das der gesamten Agrarwelt nützen würde aber keine Frage.

Markus Wolf