Vorsorge geht vor Verursacherprinzip

Düngeverordnung. Über die Neuausweisung der roten Gebiete und darüber, für wen die Änderungen besonders relevant sind, haben wir im Interview mit Dr. Friedhelm Fritsch gesprochen.

Warum sind so viele Flächen künftig rote Gebiete?

Die Neufassung der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Ausweisung der mit Nitrat belasteten und eutrophierten Gebiete war auf Druck der EU-Kommission notwendig geworden. Die Bundesländer sind verpflichtet, bis Ende 2022 die mit Nitrat belasteten sowie die – mit Phosphat – eutrophierten Gebiete neu auszuweisen. Dieses Mal darf aber der Stickstoffeintrag aus der Landwirtschaft nicht modelliert werden, und die Gebietsausweisung orientiert sich nur an den Messwerten. Damit wird das Vorsorgeprinzip zum Schutz des Grundwassers vor Nitrat über das Verursacherprinzip gestellt. Außerdem muss die Regionalisierung, also die Einteilung in mit Nitrat belastet oder unbelastet, innerhalb der Grundwasserkörper einheitlich erfolgen. Dazu fehlen in einigen Bundesländern zahlreiche Grundwassermessstellen, die nun eingerichtet werden müssen. Bei der Neuausweisung werden sich die »roten«, mit Nitrat belasteten Gebiete um bis etwa 50 % ausdehnen.

Welche Folgen wird das haben?

Die Absenkung der N-Düngung, ausgehend von den ermittelten N-Obergrenzen um minus 20 % im Durchschnitt der Flächen in den roten Gebieten, führt unbestritten zu einer Erlösminderung. Eine Umstellung auf weniger intensiv gedüngte Kulturen ist wegen der geringeren Deckungsbeiträge nur begrenzt möglich.

Gibt es Alternativen für die Betriebe?

Anstelle der »minus 20 %« bietet die Düngeverordnung die »80 kg mineralisch von 160 kg Gesamt-N/ha«-Ausnahme an, ebenfalls im Durchschnitt der Flächen in den roten Gebieten. Da der durchschnittliche Mineraldüngeraufwand unter 80 kg N/ha und der Wirtschaftsdüngeraufwand in den meisten Betrieben ebenfalls unter 80 kg N/ha liegt, sollte das eine Alternative sein.

Wer bis etwa 1 GV/ha Wirtschaftsdünger hat oder beziehen kann, Leguminosen und/oder Braugetreide anbaut sowie Weidetiere hält, muss diese Möglichkeit prüfen. Sie lässt sich mit der Teilnahme an der Agrar-Umwelt-Klimaschutz-Maßnahme »Vielfältige Kulturen« verbinden. Diese wird es in vielen Bundesländern als Draufgabe zur »Öko-Regel« geben, ist mit bisher 30 €/ha jedoch unterbezahlt.

Wen trifft diese Neuregelung besonders stark?

Das Ausbringverbot für Gülle auf Grünland und mehrjährigem Feldfutter ab 1. Oktober in roten Gebieten anstatt ab 1. November im »Normalgebiet« wird für Betriebe mit knapper Lagerkapazität schmerzlich. Das Verbot der Stickstoffdüngung nach der Hauptfruchternte zu Wintergerste oder Zwischenfrüchten ohne Futternutzung trifft Betriebe mit hohem Wirtschaftsdüngeranfall. Sie müssen in  Lagerkapazität investieren, Viehbestände abstocken oder Biogasanlagen weniger auslasten

Dr. Friedhelm Fritsch, Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, Mainz