Ein Verstärker, aber kein Auslöser

Agrarpreise. Beim Blick in die Nachrichtenlandschaft fällt auf: Keine Meldung über Preissteigerungen bei Lebensmitteln ohne einen Verweis auf den Krieg in der Ukraine. Kein Bericht über die in Asien oder Afrika drohende Nahrungsmittelknappheit, ohne die Bedeutung Russlands und der Ukraine für die Weltgetreidemärkte hervorzuheben. Auch die steigenden Energiepreise gelten als die Folge der russischen Invasion. Solche Aussagen lassen den Leser mit dem Gefühl zurück: Mit einem Ende des Krieges lösen sich all diese Probleme in Luft auf. Das ist aber leider nicht so.

Beispiel Energie. Die Kosten für Erdgas sind nicht erst mit Kriegsbeginn in die Höhe geschossen. Die Preisrallye setzte bereits im Frühjahr 2021 ein. Im Januar kostete Erdgas dann viermal so viel wie ein Jahr zuvor. Die Düngemittelhersteller haben schon im vergangenen Herbst auf die gestiegenen Energiekosten mit einer Reduktion der Ammoniakproduktion reagiert.

Warum die Gaspreise derart in die Höhe schießen konnten, hat mehrere Gründe. In Europa ist die Nachfrage im Zuge der Konjunkturerholung stark gestiegen, dazu kommt die angestrebte Bedeutung von Erdgas als »Brückentechnologie« beim Umbau der Energieversorgung. Zudem setzen immer mehr Länder auf Erdgas als Energielieferant. Hinzu kommt, dass zuletzt weniger in die Erschließung neuer Gasfelder investiert wurde. Ein Ende des Krieges würde an all dem nichts ändern.

Beispiel Getreide und Ölsaaten.

Sicher, vor allem die Folgen des Krieges auf die Preise für Getreide und Pflanzenöle führten dazu, dass der von der FAO ermittelte Nahrungsmittel-Preisindex im März auf ein Rekordhoch sprang. Aber: Die Preiskurve zeigt bereits seit Mitte 2020 nach oben. Schon um den Jahreswechsel herum notierte Raps auf einem Rekordhoch. Und für Weizen schlug ein Achtjahreshoch zu Buche.

Das geht zu einem Teil auf die durch Corona verursachten Störungen der weltweiten Logistik zurück. Der größere Teil gründet auf fundamentalen bzw. strukturellen Knappheiten. Beim Raps waren das Missernten, zwei in der EU gefolgt von einer in Kanada. Beim Getreide wächst die Nachfrage weltweit schneller als das Angebot.Daraus resultiert ein Abbau der Vorräte: Die außerhalb Chinas gelagerten Mengen (nur die stehen dem Weltmarkt zur Verfügung) haben sich seit 2016/17 beim Weizen um 11 % und beim Mais um 26 % verringert. Auch diese Faktoren wären mit einem Ende des Krieges nicht vom Tisch. Der weitgehende Ausfall der Ukraine als Anbieter von Sonnenblumenöl (und die Sorgen um die Versorgung mit ukrainischem Mais, Weizen und Raps) hat die Preisrallye an den Märkten nicht ausgelöst. Aber sie hat dadurch noch einmal an Schwung gewonnen.

 

 

Markus Wolf