Das alte Geschäft mit der Angst

Pestizidatlas. Sex sells, heißt es, und auch Gift geht immer. So bringt die Heinrich-Böll-Stiftung neben einem »Fleischatlas« oder einem »Insektenatlas« auch einen »Pestizidatlas« heraus. Aber zumindest der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hätte sich daran erinnern können, dass er nicht nur Kooperationspartner des Pestizidatlas ist, sondern auch Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft war. Letztere sieht notwendige Verbesserungen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Im Atlas dominieren dagegen überholte Reflexe und einseitige Schuldzuweisungen.
Richtig ist: Wenn man nur den »Green Deal« der EU vor Augen hat, ernüchtert das weltweite Bild. Hersteller in China oder Indien kümmern sich wenig um die europäischen Befindlichkeiten. Und auch die deutschen Konzerne haben mehr als den Heimatmarkt im Blick. Aber gerade diese stellen sich einige der kritischen Fragen schon selbst. Sie werden von Politik und Finanzwirtschaft zunehmend mit dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert. Der Aufwand für Neuzulassungen ist groß, Resistenzentwicklungen tun ein Übriges. All dies kratzt am bisherigen Geschäftsmodell. Die Agrarchemie steht deshalb in einem ähnlichen Zwiespalt wie die Autoindustrie: Das »alte« Geschäft trägt noch gut, hat aber keine glänzende Perspektive mehr. Das »neue« in Gestalt von Biologicals oder digitalen Lösungen ist noch nicht recht da und wird das alte absehbar nicht ersetzen können. Deshalb bauen alle an zweiten Gleisen, und gelegentlich fährt darauf schon ein Zug. Das ist weniger, als die Kommunikation der Unternehmen manchmal erwarten lässt, aber mehr als »Grünwaschen«, das ihnen gern attestiert wird. Wenn etwas aber »altes Geschäft« ist, dann der Pestizidatlas. Er erwähnt zwar die Ansätze, über Digitalisierung Mittel einzusparen, spielt aber sonst das Spiel mit der Angst: zu viel, zu wenig geprüft, zu große Nebenwirkungen...
Klar, es verschiebt sich – wissenschaftlich wie moralisch – die Risikobewertung. Kritische Fragen müssen sein, gern und gerade auch an die Hersteller und Anwender von Pflanzenschutzmitteln.  Aber beide verdienen es nicht, mit Unterstellungen, Pauschalisierungen, schrägen Bezügen und Übertreibungen im Querdenker-Stil vorgeführt zu werden. Die Heinrich Böll-Stiftung steht den Grünen nahe. Diese stellen Landwirtschafts- und Umweltminister, die zusammen für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig sind und angekündigt haben, für »weniger« zu arbeiten.  Der Pestizidatlas wird hoffentlich nicht der Maßstab ihres Handelns sein. Dessen »Diskussionskultur« ist wirklich von gestern.