Märchenstunde

Scheinheilig. Alle Völker kennen Märchen. Aber in Deutschland sind sie nicht nur Kulturgut, sondern auch »Kult«. Und man glaubt inzwischen sogar wieder daran. Zugegeben: Nicht an alle – der Klapperstorch etwa ist ausgestorben. Dafür aber werden mit Eifer neue Märchen erzählt. Eines, das fast jeder kennt, ist das der vorgegaukelten Nachhaltigkeit vieler Produkte.  
Nehmen wir den Verpackungsmüll. Um den zu vermeiden, kaufen nachhaltig orientierte Zeitgenossen im Unverpacktladen ein. Und ganz oft lässt sich damit auch viel Müll vermeiden. Dass dahinter gelegentlich auch große Mengen Plastik in Umverpackungen stecken, die ein Vielfaches der Einsparung an Verpackungsmüll ausmachen und mit viel Diesel kreuz und quer durch die Republik gekarrt werden, davon erfährt der Kunde natürlich nichts.
Oder nehmen wir Audi. Der Autohersteller wirbt mit Nachhaltigkeit, und deshalb darf seine Kantine auch nur von einem Großhändler beliefert werden. Denn wenn nur ein Lkw aufs Werkgelände fahren muss, dann spart das Sprit und ist nachhaltig. Dass die Lebensmittel (»wir legen Wert auf regionalen Anbau«) aus der Nachbarschaft vorher erst einige 100 km zum Großhandel und dann wieder zurückgekarrt werden müssen, das interessiert die Audi-Kantinenchefin nicht.  
Oder Biorüben, die nach Rain am Lech bzw. Schladen gebracht werden, gerne auch mal über 400 km einfacher Weg. Spätestens nach 150 km Fahrtstrecke sind diese Rüben nicht mehr nachhaltig, sondern reine Umweltverschmutzer. Im Regal vermitteln sie dem Kunden aber das gute Gefühl, ein nachhaltiges Produkt zu kaufen. Überhaupt »Bio«: Der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel, gleichbedeutend mit mehr Pflug und Bodenbearbeitung sowie weniger Ertrag, soll nachhaltig und umweltfreundlicher sein. Der zusätz­liche Land- und Treibstoffverbrauch fällt dabei aber unter den Tisch.
Auch um Rest- und Abfallstoffe ranken sich Märchen. Gerade erst hat die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe Forschungsprojekte zur Energieerzeugung mit diesen Rohstoffen vorgestellt. Das kann doch nur nachhaltig sein – und wäre es vermutlich auch. Sie haben den Konjunktiv bemerkt: Wo gibt es eigentlich im nennenswerten Umfang Rest- und Abfallstoffe, die nicht längst als Dämmmaterial oder energetisch genutzt werden? Schade um das schöne Geld, denn mangels Masse erreichen die Projekte nie Marktreife. 
Unsere Gesellschaft verliert sich zunehmend in Traumwelten, und uns gelingt es nicht, den Mitbürgern die Wahrheit hinter den schönen Geschichten zu erklären. Warum nicht? Haben wir etwa dadurch Vertrauen verspielt, weil wir selbst gelegentlich Märchen zum Thema Gülle, Umwelt oder Umsatzsteuerpauschalierung erzählt haben? 
Mein Lieblingsmärchen ist übrigens das von des Kaisers neuen Kleidern. »Aber er hat ja gar nichts an«, entlarvt ein kleines Kind die Lügen. Wenn ich meinem Enkel in einigen Jahren von Nachhaltigkeit und den manchmal skurrilen Geschichten darum erzählen werde, dann sagt er vielleicht zu mir: »Aber da war ja gar nichts dran!«

Dr. Christian Bickert