Zeit für Vernunft

Pflanzenschutz. Was haben wir nur angestellt, dass sich der chemische Pflanzenschutz eines so katastrophalen Rufes »erfreut«? Wie können wir verhindern, dass der fortwährende Druck auf die Mittel einen rentablen (konventionellen) Ackerbau massiv erschwert, wenn nicht teilweise gar unmöglich macht? Das fragen sich angesichts der neuesten Verbots- und Reduktionsszenarien viele Landwirtinnen und Landwirte. Und sie fragen nicht nur, sie demonstrieren. Der Bauernverband unterstützt dies mit dem Szenario einer »Ernährungskrise in Europa«.

Wäre das Bild angesichts des Krieges nicht so unpassend, würde man sagen: Die bekannten Schützengräben sind wieder gut besetzt. Das Vertrauen der Landwirtschaft in die Politik geht gegen null. Das macht die Antwort auf die eingangs gestellten Fragen nicht einfacher. Denn dazu gehört tatsächlich ein  Stück Selbstreflexion, etwas Abstand zum eigenen Denken und Tun. Dann kommt einem nämlich die Ahnung, dass der Vertrauensverlust beidseitig sein könnte.

Gilt nicht seit mindestens 1985 der Grundsatz des Integrierten Pflanzenschutzes, nach dem die »Chemie« nur das letzte Mittel ist, wenn alle anderen versagen? Und wie war seitdem die Praxis? Die Grenze der Notwendigkeit wurde fortwährend verschoben. Das hatte mit der Wirtschaftlichkeit intensiver Systeme zu tun, aber auch mit Betriebsorganisation, mit unterschiedlicher Ausbildung, mit Risikobereitschaft und – ja – auch mit Bequemlichkeit. Die Mittel standen zur Verfügung, also wurden sie nach bestem landwirtschaftlichem Wissen genutzt. Dumm nur, dass das landwirtschaftliche Wissen allein eben nicht auf Biodiversität oder Wasserschutz einzahlt. Dumm aber auch, dass landwirtschaftliche Produktivität in der Politik eine immer geringere Rolle spielt. Mehr noch als finstere Ideologie ist zunehmend Unwissen darüber im Spiel, wie Landwirtschaft funktioniert.

Den meisten Landwirten ist klar, dass es auf den alten Wegen nicht mehr weitergeht. Gerade die Landwirtschaftsministerien müssten in dieser Situation versuchen, neue Wege begehbar zu machen. Das funktioniert nur mit einer klugen Mischung aus Fordern und Fördern. Beim Pflanzenschutz hilft dabei die Erkenntnis, dass eine (verpflichtende) Mengenreduktion weniger schlimm wäre als Verbote: Es gibt immer Situationen, in denen man bestimmte Wirkstoffe einfach braucht. Ein Beispiel dafür, das Beseitigen von Aufwuchs im Frühjahr vor einer Sommerkultur, bringen wir in diesem Heft. Hier gibt es Situationen, in denen die »Mechanik« wirklich nur Schaden anrichtet. Und es lassen sich auch nicht ganze Regionen auf »Öko« umstellen – der Markt gibt es nicht her. Die Risiken und Nebenwirkungen ohne chemischen Pflanzenschutz können somit größer sein als mit ihm.

Wenn nun selbst Atomkraftwerke länger laufen sollen, müsste die Tür auch für die so geschmähten »Pestizide« offenbleiben. Nicht weil bei der Energie die Angst vor Kälte und Dunkelheit regiert und bei Pflanzenschutzmitteln das Hungerszenario. Sondern weil es einfach vernünftig ist.

Thomas Preuße