Sie kommt. Nicht heute, aber morgen

Inflation. Die Preise für industrielle Vorprodukte legten in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten um 11% zu. Massive Preissprünge gab es bei Schnittholz, Industriemetallen, Kunststoffgranulaten oder Halbleitern. Bei diesen Knappheiten dürfte es noch ein paar Monate bleiben – nicht zuletzt, weil einige Firmen ihre Vorräte aufstocken und die Nachfrage so weiter anheizen. All das wird auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Aber Industriegüter haben nicht einmal einen Anteil von einem Drittel am Warenkorb. Der wird dominiert von den Dienstleistungen, deren Preise vor allem von den Löhnen abhängen. Zum Glück waren die Lohnabschlüsse sehr moderat, im Euroraum legten sie zuletzt nur um 1,4% zu. In diesem und im kommenden Jahr erwarte ich daher noch kein echtes Inflationsproblem, auch wenn die Inflation in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte wegen Sondereffekten auf 3,5% steigen könnte. Das hängt auch mit der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli 2020 zusammen.

Aber es gelangt weiter viel zu viel Geld in Umlauf, weil die EZB den Kredithunger der Staaten weiter durch den Kauf von Staatsanleihen stillt. So hat sie im vergangenen Jahr mit ihren Käufen die gesamten Haushaltsdefizite der Euroländer finanziert, was die Geldmenge zeitweise mit zweistelligen Raten steigen ließ. Dieses Zuviel an Geld wird sich in einer höheren Inflation entladen, wenn die Arbeitslosigkeit in ein paar Jahren wieder sehr niedrig sein wird und die Arbeitskosten stärker steigen. Für eine mittelfristig deutlich höhere Inflation sprechen weitere Faktoren:

•Zwischen China und dem Westen droht ein neuer Kalter Krieg, was den Handel zwischen den beiden Blöcken sinken lassen sollte. Eine solche Deglobalisierung würde die Kostensenkungen der zurückliegenden Globalisierung teilweise rückgängig machen.

•In vielen wirtschaftlich wichtigen Weltregionen sinkt seit einiger Zeit der Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Arbeitskräfte werden langsam knapper; das spricht tendenziell für stärker steigende Arbeitskosten.

•Die Klimapolitik verteuert in vielen Ländern die Produktion durch höhere CO2-Abgaben und teurere Produktionsverfahren, mit denen die Unternehmen den CO2-Ausstoß senken. Einen Teil der Zusatzkosten dürften sie an die Konsumenten weitergeben.

In diesem und im kommenden Jahr hebt die Inflation noch nicht ab. Aber auf längere Sicht – vielleicht vier Jahre – droht eine nachhaltig höhere Inflation.

Das heißt für Landwirte: Ob Maschinen, Dünger oder Energie, die Vorprodukte werden teurer. Die Konkurrenz um Arbeitskräfte wird größer. In Summe steigen damit die Erzeugungskosten von Nahrungsmitteln dauerhaft an.

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank AG