Haben Sie ein Notstromaggregat?

Mangelwirtschaft. Die meisten von uns kennen das nur aus dem Geschichtsbuch oder aus der Endphase der DDR: Manche Dinge sind so knapp, dass man sie auch für alles Geld nicht bekommen kann. Autos etwa haben Wartezeiten wie weiland der Wartburg, wenn man in DDR Mark zahlte. Dünger ist kaum zu kriegen, manche Ersatzteile auch nicht, und einige Leute reden schon von Stromknappheit. Auch diese Ausgabe der DLG-Mitteilungen kann nur dank guten Krisenmanagements im Verlag erscheinen, weil geplante Papierlieferungen ausfielen.

Was ist eigentlich los, dass wir binnen weniger Wochen oder Monate aus Jahrzehnten des Überflusses plötzlich in eine regelrechte Mangelwirtschaft schlittern? Es gibt viele Ursachen: Corona hat nicht nur die Lieferketten durchgewirbelt, sondern hielt (und hält) viele Menschen auch von ihrer Arbeit ab. Die weltweite Logistik (11 Mrd. t Güter werden international gehandelt, davon 80 % per Schiff) stockt, seitdem Häfen geschlossen werden und Reeder damit rechnen müssen, dass ihre Schiffe nicht mehr entladen werden. Daneben gibt es schlimme Dürren wie in Brasilien oder in Kanada sowie Unwetter, die ganze Landstriche verwüsten und Produktionsanlagen sowie Transportwege vernichten. Im August traf es die USA, wo die Terminals am Golf immer noch nicht wieder voll arbeiten, Anfang Oktober zum wiederholten Male China, diesmal seine Kohleprovinz Shanxi, wo ein Drittel der chinesischen Kohle liegt. Zuvor waren schon die Provinzen Hebei und Henan getroffen. Dort ist neben Mais auch die Aluminiumproduktion konzentriert. Das Ergebnis ist eine Energieknappheit, die schnell in eine Energiekrise ausarten kann. China kauft jedes Schiff mit Flüssiggas, das es bekommen kann. Das ist ein Grund für die Explosion der Gaspreise. Indien etwa hat nur noch Kohlereserven für vier Tage – das kann eng werden.

Und wenn wir an die Landwirtschaft denken: 2021 war ein Jahr der Missernten. Knappheit führt zu steigenden Preisen, und die sollten normalerweise die Nachfrage rationieren. Das können sie aber nicht, denn es drohen Unruhen, wenn Nahrungsmittel zu teuer werden oder Strom abgeschaltet wird. Der »Arabische Frühling« ist vielen Ländern noch gut im Gedächtnis. Außerdem schwirrt so viel Geld in der Welt herum, dass die Zahlungsfähigkeit hoch ist. Sprich: Bis die Preise eine Nachfrage rationieren, müssen sie noch hoch steigen. Aber wenn ein Produkt schlicht fehlt, ist es für kein Geld der Welt zu bekommen. Hartweizen für Nudeln nach dem Ausfall der kanadischen Ernte ebenso wie Speicherchips und demnächst vielleicht auch der Strom. Das bringt mich wieder zu der Ausgangsfrage: Haben Sie ein Notstromaggregat?

Dr. Christian Bickert