Kranke Tiere. Behandeln oder erlösen?

Kranke oder verletzte Tiere lösen häufig Gewissenskonflikte aus. Einerseits soll das Tier vor Schmerzen und Schäden bewahrt werden, andererseits davon erlöst werden, wenn es keine Aussicht auf Heilung gibt. Welche Kriterien helfen bei der Entscheidung?

Nicht immer läuft alles glatt – auch im besten Betrieb gibt es ab und an kranke oder verletzte Tiere. Der Umgang mit ihnen birgt für die Landwirte Gewissenskonflikte. Das Töten eines Tieres im Sinne des Gesetzes ist eine Einzelfallentscheidung. Moralisch und gesetzlich sind Tierhalter im Fall schwerer Verletzungen oder Erkrankungen verpflichtet, durch zügiges und entschlossenes Handeln unnötige Schmerzen und Leiden zu verhindern. Dies erfordert eine effektive Tierbeobachtung und Entschlusskraft. 
Mindestens einmal täglich muss der Tierhalter Zeit für die Tierbeobachtung einplanen. Wichtig ist es, die Beobachtungen auch zu dokumentieren. Was sehe ich? Was ist die Ursache? Was bedeutet das für die Herdengesundheit? Was muss ich verändern? Ein Tages- und Wochenplan als Gedächtnisstütze und zur Organisation ist von Vorteil.

Krankenbuchten sind keine Abkalbebuchten und das gilt auch umgekehrt. Krankenbuchten sollten als Genesungsbuchten angesehen werden. In ihnen werden Rinder individuell und ohne Störung durch ihre Artgenossen versorgt. Sie brauchen ein ausreichendes Platzangebot (mindestens 10 bis 12 m2 pro Tier bei Gruppenboxen und mindestens 14 bis 18 m2 bei Einzelboxen). Kranke und verletzte Tiere benötigen zudem besonderen Schutz vor Witterungseinflüssen sowie dauerhaften Zugang zu qualitativ gutem Futter und Wasser. Wichtig ist auch eine weiche, trockene und rutschfeste Liegefläche. Am besten eignet sich ein flach eingestreuter verformbarer Boden, der leicht zu räumen, zu reinigen und zu desinfizieren ist. Die Belegung der Kranken- und Separationsbuchten sollte so geplant werden, dass regelmäßig ein vollständiger Leerstand der Bucht mit anschließender Reinigung und Desinfektion möglich ist. 

Wann ist ein krankes oder verletztes Tier noch transportfähig? Grundsätzlich gilt: Ein Tier ist transportfähig, wenn das Allgemeinbefinden ungestört ist und keine Verhaltensweisen und klinische Befunde auf Schmerzen, Leiden und Schäden hinweisen. Die Transportfähigkeit muss zum Zeitpunkt des Verladens sicher eingeschätzt werden. Es dürfen durch den Transport keine zusätzlichen Leiden verursacht werden.
 

Nottötung. Tiere, deren Verletzung oder Erkrankung von vornherein nicht mehr zu behandeln sind oder bei denen keine bisherige tierärztliche Therapie die nötige Linderung gebracht hat, müssen unverzüglich getötet werden. 
Die Schlachtung ist »die Tötung von Tieren zum Zweck des menschlichen Verzehrs«. Dagegen ist die Notschlachtung die Schlachtung eines ansonsten gesunden Tieres, das einen Unfall erlitten hat und somit transportunfähig ist. Das notgeschlachtete und entblutete Tier muss hygienisch einwandfrei zur weiteren Verarbeitung zum Schlachthof befördert werden. Der Transport darf nicht länger als eine Stunde dauern. Eine Lebendbeschau durch den amtlichen Tierarzt vor der Schlachtung ist genauso vorgeschrieben, wie die amtstierärztliche Anwesenheit bei der Schlachtung selbst. Ist die Fleischuntersuchung am Schlachthof unauffällig, ist das Fleisch frei verkehrsfähig. Tiere, die nicht mehr in die Lebensmittelgewinnung gehen dürfen, können noch als Futterfleisch genutzt werden. 
Ein Sachkundenachweis ist bei einer Nottötung im eigenen Bestand nicht erforderlich – sofern es sich um Einzelfälle handelt – aber Fachkenntnis ist nötig. So steht es in den »Allgemeinen Verwaltungsvorschriften zur Durchführung des Tierschutzgesetzes« aus dem Jahr 2000. Lehrgänge zur Nottötung werden z. B. von den Landwirtschaftskammern angeboten.
Vor der Tötung muss immer eine Betäubung durchgeführt werden, die bei dem Tier eine Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit herstellt. 

Kriterien für die Nottötung

Grundsätzlich muss entschieden werden, ob ein Weiterführen der Therapie anzustreben ist oder die Nottötung das Leiden beendet. Neben dem Austausch mit dem Tierarzt sollten Überlegungen zu Tierschutz, emotionalen und praktischen Aspekten einfließen. Wie hoch ist die Belastung für das Tier während der Behandlung? Wie sind die Heilungsaussichten? Welche Lebensqualität hat es bei Überleben?
Die Nottötung ist unumgänglich, wenn:

  • das Tier nicht behandelbar, nicht schlachtbar oder nicht transportfähig ist,
  • schwere Missbildungen (z. B. Wasserkopf, Afterlosigkeit, Herzfehler) vorliegen,
  • das Tier eine verminderte Lebensfähigkeit hat (z. B. Kälber ohne Schluckreflex, nicht behebbare Verdauungsstörungen),
  • Bewegungsstörungen vorliegen (nicht behebbare Lähmungen, (multiple) Gelenksentzündungen),
  • das Tier eine ungünstig verlaufende Infektion und schwere Stoffwechselstörungen hat (z. B. hochaggressive Keime, Kreislaufkollaps, Medikamentenrückstände),
  • Unfälle und Notsituationen mit Ausschluss der Verwertbarkeit (Logistik, Hygiene) vorliegen.

Das Einschläfern eines Rindes gilt als beste Methode. Die Euthanasie erfolgt über die Injektion eines geeigneten Medikamentes durch den Tierarzt. Muss ein Tier im letzten Drittel der Trächtigkeit eingeschläfert werden, dürfen nur für die Anwendung bei tragenden Tieren zugelassene Arzneimittel verwendet werden. Diese enthalten den Wirkstoff Pentobarbital, da er auch die Plazentaschranke überwinden kann und nach dem Eintritt der Bewusstlosigkeit zum Tod durch Atem- und Herzstillstand bei Kalb und Kuh führt. 
Nichttragende Tiere erhalten Kombinationspräparate mit den Wirkstoffen Embutramid, Tetracain und Mebezonium, die eine cerebrale Depression, Kreislaufversagen und Atemstillstand verursachen. Die Gesamtdosis muss zügig und sicher intravenös gegeben werden. Ansonsten kann es zu einer verzögerten oder ausbleibenden Wirkung, starken Gewebsschädigungen und Schmerzen kommen. Eine Wirksamkeitskontrolle ist wichtig, und gegebenenfalls muss nachdosiert werden. Die sachgerechte Euthanasie ist ein schnelles Verfahren und bedeutet für das Tier minimalen Stress.

Der Bolzenschuss ist keine Tötungs-, sondern lediglich eine Betäubungsmethode. Diese stellt bei dem Tier eine Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit her, die bis zum Tod durch Entbluten oder Gehirn-Rückenmarkszerstörung sichergestellt werden muss.  
Die Betäubungsmethode muss immer an die Situation des Tieres angepasst sein. Ein Betäuben mittels Bolzenschuss sollte nur durchgeführt werden, wenn der Kopf des Tieres sicher fixiert und der Schussapparat fest und gezielt aufgesetzt werden kann. 

Fazit. Jede Nottötung ist eine Einzelfall­entscheidung. Die Verantwortung dafür obliegt dem Landwirt. Ein Sachkundenachweis ist bei nicht regelmäßig durchgeführten Nottötungen nicht notwendig. Aber das Wissen über die fachgerechte Durchführung der Tötungsmethode ist essentiell. Praktikabel und tierschutzgerecht sind die Bolzenschussbetäubung mit anschließender Tötung oder die medikamentöse Euthanasie. Wenn man sich für eine einzeltierliche Nottötung entscheidet, muss im Nachgang auch nach möglichen Ursachen für Erkrankungen bzw. Verletzungen gesucht werden. Routinemäßige Tierbeobachtung vermeidet Nottötungen. Auch im Hinblick auf gesellschaftliche Diskussionen ist es unumgänglich, dass sich jeder Rinderhalter mit diesen Grundlagen beschäftigt und sie im Betrieb umsetzt.

DLG-Ausschuss Milchproduktion und Rinderhaltung

Der Beitrag gibt Ausschnitte aus dem DLG-Merkblatt 459 Umgang mit kranken und verletzten Rindern wieder. Das vollständige Merkblatt finden Sie hier
Aus DLG-Mitteilungen Heft 10/21. Den Beitrag als pdf-Datei finden Sie hier.