Futterverwertung. Neue Prioritäten in der Zucht?

Bei hohen Getreidepreisen steht die Futterverwertung derzeit stärker im Fokus. Wie sie sich züchterisch noch weiter verbessern lässt, zeigt Stefanie Nuphaus.

Eine gute Erblichkeit und leicht zu messen – beste Voraussetzungen also, um das Merkmal Futterverwertung züchterisch zu verbessern. Ist das der Weg, um in Zeiten explodierender Futterpreise die Produktionskosten in der Schweinemast zu senken?

Tatsächlich wird die Futterverwertung von allen Zuchtunternehmen schon lange bearbeitet. Entscheidend für den Zuchtfortschritt ist, welche Stellung der Futterverwertung im Gesamtzuchtwert zugewiesen wird. Weltweit gesehen gibt es da durchaus Unterschiede. So sind für den deutschen Markt auch andere Merkmale wie Vitalität, Robustheit und Sozialverhalten von Bedeutung. In Nordamerika hingegen liegt ein deutlicherer Schwerpunkt auf der Futterverwertung.
In Deutschland zeigen sich diese unterschiedlichen Prioritäten auch in der Wahl der Endstufeneber. Die gesellschaftliche und politische Debatte um Tierwohl, die daraus folgenden Veränderungen der Haltungsformen sowie der Druck in Richting Kupierverzicht hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Pietrain-Dominanz bei den Endstufenebern etwas abgenommen hat. Robuste, schnellwüchsige Genetiken sind immer stärker gefragt. Die Futterverwertung spielte für die Wahl dieser Eber keine übergeordnete Rolle, »Easy Handling« hingegen eine große.
Doch nun haben hohe Futterkosten die Lage wieder geändert. Derzeit ist die Nachfrage nach Ebern mit guter Futterverwertung wieder sehr hoch. Klar ist jedoch: Das Ausmaß der aktuellen Preisanstiege wird sich auch durch den Einsatz anderer Genetiken nicht vollständig auffangen lassen.

Neue Methoden und Ansätze in der Zucht bieten jedoch weitere Möglichkeiten. So beschleunigt genomische Selektion die züchterische Arbeit. Da eine Genuntersuchung der Zuchttiere bereits kurz nach der Geburt stattfindet, können die Tiere schon in diesem frühen Stadium auf gewünschte Merkmale selektiert werden. Neben der Zeitersparnis bringt diese Form der Selektion auch eine höhere ­Genauigkeit.
Indirekte Effekte auf die Futterverwertung folgen aber auch aus dem Sozialverhalten der Tiere in der Gruppe. Um diesen Effekt (Social indirect effect daily gain) züchterisch zu berücksichtigen, wird nicht auf das beste Individuum selektiert, sondern auf die beste Gruppe. Das führt zu einer höheren Synergie von Schweinen innerhalb einer Gruppe. Hintergrund ist, dass es unter Umständen zu großen Unterschieden zwischen Buchten kommen kann, wenn es ein oder mehrere Tiere gibt, die andere vom Trog verdrängen. In der Folge wächst die Bucht auseinander. Daher gibt es bei Topigs Norsvin einen sozialen Zuchtwert. Der ist höher, wenn die Tiere weniger Konkurrenz gegenüber den anderen Tieren der Gruppe zeigen und diese ebenfalls fressen lassen. Die Anzahl der Interaktionen, die innerhalb einer Bucht stattfinden, ist ausschlaggebend für diesen Wert.

Zucht auf günstige Darmmikroben. Ein neuer Ansatz zur züchterischen Verbesserung der Futterverwertung nimmt die Besiedelung des Darms in den Blick. Dem wird künftig eine entscheidende Bedeutung zukommen. Denn die Zusammensetzung des Darmmikrobioms hat einen sehr großen Einfluss auf die Futterverwertung. Die Anteile bestimmter Mikroorganismen im Darm variieren dabei von Schwein zu Schwein. Beeinflusst werden sie durch Fütterung und Geschlecht, aber auch durch genetische Faktoren. Um zu Zuchtwerten zu kommen, die auf dem Mikro­biom basieren, ist allerdings noch weitere Forschung nötig.

Was kommt in der Praxis an? Schaut man sich Mastauswertungen z. B. der Erzeugerringe an, so scheint sich bei der Futterverwertung in den letzten Jahren wenig bewegt zu haben. Dabei hat die Zucht durchaus Fortschritte gemacht. Die Grafik zeigt für Reinzuchttiere der Endstufenlinien (hier TN Select, reinrassiger Pietrain-Eber) ein Plus von 90 g bei den Tageszunahmen und eine um 0,2 kg/kg Futter verbesserte Futterverwertung in fünf Jahren. Jedoch muss man dazu sagen, dass bei diesen Linien der züchterische Fokus auf der Masteffizienz liegt.
Bei Mastschweinen, deren Ergebnisse sich ja in Praxisauswertungen widerspiegeln, haben wir zusätzlich die Mutterlinie, die eine Rolle spielt. Zwar wird auch diese auf Futtereffizienz gezüchtet – aber eben nur unter anderem. Die mütterlichen Merkmale spielen eine größere Rolle, sodass der Selektionsdruck hier eher in diesem Bereich und weniger bei der Effizienz liegt. Daher findet sich eine züchterische Verbesserungen der Futterverwertung bei den Endstufenlinien nicht eins zu eins bei den Masttieren wieder.
Hinzu kommt, dass die Erfassung der Futterverwertung auf Praxisbetrieben sehr schwierig ist. Auch findet die Genetik keine Berücksichtigung in den Praxisauswertungen. Die Unterschiede zwischen Endstufenebern verschiedener Zuchtlinien bleiben daher unberücksichtigt. Der Trend, dass vermehrt Duroclinien eingesetzt werden, hat die Auswertungen deshalb uneindeutiger gemacht.

Ausblick

Die Futterverwertung war in der Vergangenheit ein wichtiges Merkmal im Zuchtziel und wird es auch künftig bleiben. Es gibt neue Ansätze zur züchterischen Verbesserung dieses Merkmals. Die Berücksichtigung von sozialen Verhaltensweisen der Schweine und die Zusammensetzung des Darmmikrobioms werden künftig eine Rolle spielen. Ob die Futterverwertung gegenüber anderen Merkmalen in der Priorität steigen wird, ähnlich wie es z. B. schon lange in den USA üblich ist, wird sich zeigen müssen. Bei langfristig hohen Futterkosten ist das nicht auszuschließen. Keinesfalls wird aber eine weitere züchterische Verbesserung der Futterverwertung den Umfang der aktuellen Futterkostensteigerungen auffangen können.
Außerdem ist die Futterverwertung nicht als alleiniges Merkmal entscheidend für das Zuchtziel. Künftig gilt es, die Komplexität im Zusammenspiel mit anderen Merkmalen besser zu verstehen und zu kombinieren (z. B. mit dem Sozialverhalten). Die Zucht muss grundsätzlich auf das Optimum und nicht auf das Maximum ausgerichtet sein.

Stefanie Nuphaus, Topigs Norsvin, Senden

Aus DLG-Mitteilungen 6/22. Den Beitrag als pdf finden Sie hier.