Was jetzt nötig ist: Effizient UND ökologisch!

Russlands Krieg gegen die Ukraine muss und wird auch die Landwirtschaft verändern. Warum müssen wir neu und vor allem konsequenter denken?

  • Von "Ernährungssicherheit" ist jetzt ständig die Rede. Wenn damit aber gemeint ist, es könne alles so bleiben wie bisher und der Green Deal der EU gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte, so ist das tatsächlich ein Holzweg. Denn Klimawandel und Biodiversitäts-Schwund treten zwar politisch und medial in den Hintergrund, sind aber deshalb nicht verschwunden. Im Gegenteil: Wir müssen sie im Auge behalten, um Produktionssysteme langfristig stabil zu halten.   
  • Gleichwohl sind globale Knappheiten absehbar. Deshalb brauchen wir beides, Produktivität verbunden mit Umwelt- und Klimaschutz. Mit den Schlagworten von gestern ist dieses Ziel jedoch nicht zu erreichen. Weder mit der "Welternährungs-Landwirtschaft" der 2010er Jahre noch mit "Ökolandbau first" bzw. ungezielter flächendeckender Extensivierung.
  • Bereits jetzt zeigen die hohen Stickstoffpreise (und sie werden noch höher werden), wie anpassungsfähig die Landwirtschaft ist, wenn es ernst wird. Damit verschiebt sich die optimale Intensität, was wiederum Auswirkungen auf die Pflanzenschutz-Intensität hat. Ganz ohne politische Vorgaben. Und ohne dramatischen Einbruch bei den Ertragserwartungen.
  • Die präzise und zeitgerechte Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln wird deshalb wichtiger. Das fordert Technik und Wissen. In der Breite der europäischen Landwirtschaft ist dafür noch viel Luft nach oben.  
  • Notwendig dafür sind aber auch scharfe Werkzeuge. Wenn jetzt schon die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken kein Tabu mehr ist, ließe sich ja vielleicht auch über die Glyphosat-Anwendung in engen Grenzen reden. Oder über notwendige Insektizide. Beider Nutzen ist größer als der Schaden für die Produktivität und für die Umwelt. Vorsorgliche Verbote sind bequem. Aber Bequemlichkeits-bedingen Schiffbruch erleben wir gerade in unserer Energiepolitik und müssen das nicht in der Landwirtschaft wiederholen. 
  • Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist "Effizienz". Das heißt: Stärker als bisher schauen, wie und wo sich welche Ziele am besten erreichen lassen. Das heißt nicht, sich in den guten Ackerbaugebieten von Blühstreifen zu verabschieden. Es erfordert aber, gerade dort zu überlegen, ob nicht 2% gut vernetzte Blühstreifen besser sind als 4% zufällig angelegte. Es erfordert auch neue, intelligente Kombinationen von Produktion, Biodiversität und Energiegewinnung (z.B. Photovoltaik).
  • Die Nachfrage nach hochpreisigen, regional erzeugten Produkten wird wahrscheinlich nicht der globalen zum Opfer fallen. Jeder einzelne Landwirt wird hier nach wie vor seine Chancen bewerten müssen und im eigenen Interesse entscheiden.
  • Die EU-Agrarpolitik lebte jahrzehntelang von ungezielter Verschwendung, sowohl auf der Einkommens- als auch auf der Umweltseite. Diese wird sich Europa nicht mehr leisten können. 2027 soll sowieso Schluss sein damit. Jetzt besteht die Notwendigkeit, mit der Debatte darüber zu beginnen. Natürlich gehört der Green Deal überprüft. Aber das Problem ist  – wie häufig in Europa – nicht das Ziel an sich, sondern der beste Weg dorthin.   

Ein Kommentar von Thomas Preuße

Thomas Preuße