Pestizidatlas: Das alte Geschäft mit der Angst

Zu viel Harmonie schadet offenbar dem Geschäft. Zumindest der BUND hätte sich daran erinnern können, dass er nicht nur Kooperationspartner des Pestizidatlas ist, sondern auch Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft war. Während letztere die Landwirtschaft richtigerweise in das Spannungsfeld von Welternährung und ökologischem „Fußabdruck“ stellt, feiern jetzt wieder die alten Reflexe gegen den chemischen Pflanzenschutz eine Auferstehung. Zu viel, zu giftig, eine Katastrophe für die Artenvielfalt…

Richtig ist: Wenn man nur den „Green Deal“ der EU vor Augen hat, ernüchtert die weltweite Perspektive. Hersteller in China oder Indien kümmern sich wenig um die europäischen Befindlichkeiten. Und auch die deutschen Konzerne haben mehr als den Heimatmarkt im Blick. Aber gerade diese stellen sich einige der kritischen Fragen schon selbst. Treiber ist nicht nur der große Aufwand für Neuzulassungen oder die Entwicklung von Resistenzen. Politik und Finanzwirtschaft stellen zunehmend Fragen nach der Nachhaltigkeit. Die Unternehmen können sich nicht unendlich grünwaschen. Die Agrarchemie steht deshalb in einem ähnlichen Zwiespalt wie die Autoindustrie: Das „alte“ Geschäft trägt noch gut, hat aber keine glänzende Perspektive mehr. Das „neue“ in Gestalt von Biologicals oder digitalen Lösungen ist noch nicht recht da und wird das alte absehbar nicht ersetzen können. Deshalb bauen alle an zweiten Gleisen, und gelegentlich fährt dort schon ein Zug.

Wenn etwas aber „altes Geschäft“ ist, dann der Pestizidatlas. Er spielt das alte Spiel mit der Angst. Der richtige Ansatz ist „Risiko“. Dieses kann man einschätzen und anhand definierter Maßstäbe bewerten. Klar, es verschieben sich – wissenschaftlich wie moralisch – Maßstäbe. Kritische Fragen müssen sein, gern und gerade auch an die Hersteller und Anwender von Pflanzenschutzmitteln. Aber beide verdienen es nicht, mit Unterstellungen, Pauschalisierungen, Halbwahrheiten und Übertreibungen im Querdenker-Stil vorgeführt zu werden. Die Heinrich Böll-Stiftung, bei der der Pestizidatlas erscheint, steht den Grünen nahe. Diese stellen Landwirtschafts- und Umweltminister, die beide für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig sind. Wird im nächsten Pestizidatlas stehen, dass beide die Vergiftung der Bevölkerung betreiben, weil es nach wie vor Pflanzenschutzmittel gibt bzw. geben muss?

Hier finden Sie den Pestizidatlas zum nachlesen.