Die unerwartete Artenvielfalt der Steppe

Was unterscheidet Biodiversität und Klimaschutz? Die Auswirkungen des Klimawandels spürt jeder von uns unmittelbar in Dürren oder Überflutungen. Die Folgen des Biodiversitätsverlustes sind noch schleichend. Und vielleicht versteht man sie auch deshalb weniger gut.
Solche Gedanken legt ein Beitrag der Universität Halle nahe, der jetzt in Nature Communications veröffentlicht wurde. Forscher haben eine Fülle regionaler Datensätze aus einer Vegetationsdatenbank zur Biodiversität herangezogen und mithilfe künstlicher Intelligenz die Anzahl der Pflanzen­arten mit der jeweiligen Größe der Untersuchungsflächen verknüpft. Ihr überraschendes Statement: »Die Steppen Osteuropas beherbergen ähnlich viele Pflanzenarten wie Regionen des Amazonasregenwaldes«. Das widerspricht eigentlich all dem, was wir bisher dem tropischen Regenwald zugeschrieben haben. Aber es zeigt sich nur, wenn die Arten nicht nur auf großen Flächen (auf der Ebene von Provinzen oder ganzer Staaten) gezählt werden, sondern auf kleinen Parzellen. So fand man auf einer Wiese in Rumänien 98 Pflanzenarten. Sie gehört damit zu den artenreichsten Flecken der Erde – was für Rumänien als Ganzes sicher nicht gilt.
Die afrikanischen Tropen galten bisher im Vergleich zu den südamerikanischen als artenarm. Jetzt zeigt sich, dass die Arten nur über sehr große Abstände verteilt sind, sodass sie bei der Untersuchung einer größeren Fläche nicht immer erfasst werden, so die Forscher. Das erkenne man aber nur, wenn man viele kleine Flächen betrachtet. Für andere Regionen wie dem Cerrado in Brasilien sei das unerheblich. 
Für den Artenschutz heiße das: Ökosysteme mit einer hohen Artenvielfalt nur auf großen Flächen (wie dem ­Cerrado) könnten nicht mit traditionellen, flickwerkartigen Gebieten geschützt werden. Dagegen könnten solche mit hoher Artenvielfalt auf kleinen Flächen durchaus von mehreren voneinander abgetrennten Schutzzonen profitieren.

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