24.05.2016

Glyphosat: Wiederzulassung ungewiss – was nun?

Glyphosat ist praktisch, aber Bodenbearbeitung wahrscheinlich nachhaltiger.
Foto: landpixel

Die EU-Länder können sich nicht auf eine Wiederzulassung einigen. Warum wir das Glyphosat weiterhin brauchen – aber vielleicht nicht so viel davon, sagt Mathias Ernst.

Schnell gelesen:

  • Einen Teil der Argumente gegen den Wirkstoff hat die Landwirtschaft durch einen zu starken Einsatz in der Vergangenheit selbst geliefert.
  • Pflanzenschutzanwendungen dürfen keine Routine sein, das gilt auch für jede Glyphosatapplikation.
  • Die Anwendungen müssen auf die Bereiche beschränkt bleiben, in denen es eben keine geeigneteren Maßnahmen gibt.
  • Diese wirklich notwendigen Anwendungsbereiche machen zwar keine besonders große Fläche aus, aber hier wäre ein Verlust der Zulassung fatal.

Bleibt uns der Wirkstoff erhalten? Was passiert, wenn nicht? Die Unsicherheit wächst, die Fragen werden nicht weniger. Global betrachtet stehen Glyphosat und Gentechnik in engem Zusammenhang. Dieser Wirkstoff macht in Verbindung mit gentechnisch eingebauter Resistenz die Unkrautkontrolle einfach und preiswert. Wohin allerdings regelmäßig wiederholte Anwendungen des immer gleichen Wirkstoffes führen, weiß jeder, der sich halbwegs auskennt: Die Bekämpfungserfolge sinken, die Aufwandmengen müssen steigen. Doch dies alles ist weit weg, dies passiert in Nord- und Südamerika, nicht bei uns. Oder doch? Diese Fehlentwicklungen provozierten eine Lobby, die auch wir immer mehr zu spüren bekommen.

Was haben wir dieser Lobby entgegenzusetzen? In der Vergangenheit relativ wenig. Zwar waren und sind wir weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt, dennoch waren auch bei uns Auswüchse zu erkennen, die nur schwer zu erklären sind. Muss es eigentlich routinemäßige Anwendungen auf der Stoppel geben? Warum müssen fast erntereife Pflanzen zur Lebens- und Futtermittelerzeugung sieben Tage vor der Ernte abgetötet werden, nur um die Dreschbarkeit zu erhöhen? Muss die Reifestaffelung tatsächlich über den Herbizideinsatz gelöst werden? Mittlerweile hat sich gerade in diesem Bereich die Zulassungssituation deutlich verschärft. Der Gesetzgeber hat einen negativen Trend innerhalb der Landwirtschaft zurückgedrängt. Besser wäre jedoch gewesen, es wäre nie so weit gekommen.

Einen anderen negativen Auswuchs des Glyphosateinsatzes haben bereits viele Landwirte gestoppt. Sie haben erkannt, dass Glyphosat keine Bodenbearbeitung ersetzt. Denn zu einem nachhaltigen Ackerbau gehört mehr als das bloße Abtöten der Unkräuter und Ungräser auf der Stoppel. Ausfallsamen der Kulturen, aber auch der Unkräuter und -gräser müssen erst einmal sicher zum Auflaufen gebracht werden. Dafür wird ein ordentliches Saatbett benötigt. Wir sind hier bei der klassischen Stoppelbearbeitung. Doch neben der Bekämpfung unerwünschter Pflanzen kann die Stoppelbearbeitung noch viel mehr. In jedem alten Lehrbuch ist das Brechen der Kapillarität beschrieben – nach wie vor ein aktuelles Thema. Durch wiederholte Bearbeitung können mehrere Wellen der Ausfallkulturen, aber auch Unkräuter und Ungräser bekämpft werden. So wird neben der Wasserkonservierung im Boden nicht nur der vorhandene Aufwuchs bekämpft, sondern zusätzlich noch das Potential im Boden reduziert. In diesem Bereich wie auch bei der Vorernteanwendung können wir also gut auf Glyphosat verzichten oder den Einsatz zumindest auf ein Minimum reduzieren.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere dürfen wir (und die Zulassungsbehörden) auch nicht unterschätzen: Glyphosat ist nach wie vor ein wichtiges Element vieler Strategien im Ackerbau. Ein gutes Resistenzmanagement erfordert möglichst viele wirksame Wirkstoffe, dafür ist Glyphosat ein wichtiger Baustein. Konservierende Bodenbearbeitung ohne Glyphosat wird schwierig, Direktsaat unmöglich. Hier dürfen wir es auf gar keinen Fall zulassen, den Glyphosateinsatz gegen den Bodenschutz ausspielen zu lassen.
Jeder Zuckerrübenanbauer weiß, was gemeint ist: Nach dem Winter sind die Unkräuter klein, einmal flach aufziehen sollte doch ausreichen. Doch plötzlich stehen neben den keimenden Rüben große Stiefmütterchen, Ehrenpreise und Kamillen. Dann ist guter Rat teuer. Doch nicht nur dieser, auch die Anwendung als solche wird teuer. In diesem Fall ist der vorherige Glyphosateinsatz eben nicht reine Bequemlichkeit, sondern häufig Notwendigkeit. Einige Unkräuter sind ab einer bestimmten Größe in den Rüben überhaupt nicht mehr zu bekämpfen. Selbst der ökologischen Prüfung hält diese Anwendung mit Sicherheit stand. Glyphosat wird rasch an die Bodenteilchen gebunden und unterliegt daher kaum der Verlagerung in tiefere Bodenschichten. Im Anschluss findet ein rascher Abbau statt. Niemand wird ernsthaft fordern, Glyphosat durch stark erhöhte Aufwandmengen gängiger Rübenherbizide zu ersetzen. Auch die kommenden ALS-Rüben dürften wegen der »Überbeanspruchung« dieser Wirkstoffklasse nicht die ideale Lösung sein. Ähnliches gilt in abgeschwächter Form für viele andere Kulturen. Auch die durch das Greening stark geförderten Leguminosen fordern einen sauberen Acker vor der Saat. Im Mais können wir zwar auch größere Unkräuter in der Kultur bekämpfen. Doch auch hier stellt sich die Frage nach dem Sinn, monetär wie ökologisch.

Sicherlich gab es Ackerbau auch schon vor Glyphosat. Damals war der Pflug das entscheidende Gerät. Für die Unkrautregulierung hat er früher funktioniert, und er wird auch weiterhin funktionieren. Doch was passiert dann mit dem Bodenwasser? Was ist mit der Wasser- und Winderosion – Einträge aus Abschwemmung sind bedeutende Quellen für Pflanzenschutzmittel in Oberflächengewässern? Um sich an dieser Stelle nicht im Kreis zu drehen, ist ein verantwortungsvolles Abwägen gefragt. Glyphosat scheint hier sehr sinnvoll zu sein. Wohlgemerkt, ackerbauliche Grundsätze dürfen nie außer Acht gelassen werden. Dazu gehört natürlich auch, die Verunkrautung bis zur Aussaat im Frühjahr mittels Bodenbearbeitung so gering wie möglich zu halten.

In den winterungsbetonten Fruchtfolgen gibt es ähnliche Anwendungsgebiete. Zwar ist die Herbizidpalette im Getreide sehr groß, und auch im Raps erweitert sie sich langsam, dennoch setzt eine begrenzte Anzahl von Wirkstoffen auch hier Grenzen. Ackerfuchsschwanz reagiert immer weniger bis gar nicht mehr auf blattaktive Wirkstoffe. Fruchtfolge, Bodenbearbeitung, spätere Saat, Sortenwahl und angepasste Saatstärke bieten eine ackerbauliche Lösung über einen konkurrenzstarken Bestand. Aber auch ein langer zeitlicher Abstand zwischen letzter Bodenbearbeitung und Aussaat kann zur Reduktion beitragen. Dabei wird der Boden ca. vier Wochen vor der Aussaat saatfertig hergerichtet. Zur nachfolgenden Aussaat werden nur die Säschare eingesetzt, Vorwerkzeuge werden, wenn möglich vermieden, um so wenig neue Samen wie möglich zum Keimen zu bringen. Die bis dahin aufgelaufenen Unkräuter und Ungräser, besonders der Ackerfuchsschwanz, werden dann unmittelbar vor der Aussaat mittels Glyphosat beseitigt. Dieses Verfahren wird selten für den ganzen Betrieb nötig sein, wohl aber für ausgesprochene Problemflächen. Ähnliches gilt für Flächen mit erheblichem Potential an Altraps im Boden. Hier ist
die sogenannte »Scheinbestellung« ein probates Mittel – aber nicht ohne Glyphosat.

Zu den künftig möglicherweise fehlenden Möglichkeiten gehört auch die Queckenbekämpfung. Zwar sind ein guter Zustand des Bodens sowie eine gleichmäßig etablierte Kultur die beste Vorbeuge, gegen einmal etablierte Quecken reicht  sie dennoch nicht aus. Ohne Glyphosat wird eine Sanierung von Problemflächen schwierig bis kaum möglich. Auch die Grünlanderneuerung wird deutlich schwieriger, ebenso die Wiederinkulturnahme ehemaliger Greeningflächen wie Brachen oder Rand- bzw. Pufferstreifen.
Um nicht missverstanden zu werden: Wir wollen kein Loblied auf diesen oder andere Wirkstoffe anstimmen. Dennoch müssen wir stärker herausstellen, was Glyphosat kann und wozu wir es zwingend benötigen. Denn wie gesagt, es gibt Anwendungsgebiete, in denen es fast unerlässlich ist.

Fazit. Glyphosat steht mehr denn je in der öffentlichen Kritik. Einen Teil der Argumente gegen den Wirkstoff hat die Landwirtschaft durch einen zu starken Einsatz in der Vergangenheit selbst geliefert. Pflanzenschutzanwendungen dürfen keine Routine sein, das gilt auch für jede Glyphosatapplikation. Oft werden wir zu dem Schluss kommen, dass es bessere Alternativen gibt. Die Anwendungen müssen auf die Bereiche beschränkt bleiben, in denen es eben keine geeigneteren Maßnahmen gibt. Diese wirklich notwendigen Anwendungsbereiche machen zwar keine besonders große Fläche aus, aber hier wäre ein Verlust der Zulassung fatal.

Mathias Ernst, Hanse Agro, Gettorf

Aus DLG-Mitteilungen 8/2015, aktualisiert. Den vollständigen Artikel als pdf-Datei finden Sie hier.

 

Hier geht es  zum passenden Kommentar "Schockstarre" von Thomas Preuße.

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