28.02.2019

Ferkelkastration. Was schaltet den Schmerz aus?

Wie lässt sich der Schmerz der Ferkel bei der Kastration verhindern oder zumindest reduzieren? Und wie groß ist er überhaupt?
Diese Fragen sind noch nicht abschließend geklärt.
Foto: Bütfering

Die Kastration von Saugferkeln ist spätestens 2021 nur noch mit einer wirksamen Schmerzausschaltung erlaubt. Lässt sich das mit einer Lokalanästhesie überhaupt erreichen?  Und wie hoch ist die Belastung durch den Stress, den die Schmerzausschaltung verursacht?

Ist die Lokalanästhesie tatsächlich geeignet, um Schmerz zu vermeiden? Gerade bei Schweinen ist das schwer zu beurteilen, Ferkel schreien immer und machen Abwehrbewegungen – auch, wenn sie nur festgehalten werden.
Finanziert vom Land NRW, wurde dazu unter der Federführung der Schweineklinik der Uni München ein Versuchskonzept entwickelt und auf Haus Düsse durchgeführt. 232 Saugferkel wurden in fünf Versuchsgruppen aufgeteilt. Eine Gruppe (H-Gruppe) wurde nur am Bein festgehalten. Eine Gruppe (K-Gruppe) wurde festgehalten und ohne lokale Betäubung kastriert. Den drei weiteren Gruppen wurden Lokalanästhesien verabreicht:
4 x 0,05 ml 5 %iges Lidocain (L5-Gruppe),
4 x 0,25ml 2 %iges Procain (P2-Gruppe).
 In diesen beiden Gruppen wurde viermal eingestochen, um jeweils ein Depot im Bereich des Leistenrings in der Höhe des letzten Zitzenpaares und in jeden Hodensack zu setzen.
Es wurde noch eine Gruppe, der 0,5ml 1 %iges Lidocain in jeden Hoden (L1-Gruppe) verabreicht wurde, in den Versuch aufgenommen. 
30 Minuten nach der Injektion wurde mit der Kastration begonnen. Ein ergänzendes Schmerzmittel wie z. B. Metacam wurde erst nach Abschluss der Probenentnahmen verabreicht, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen.


Das Schmerzempfinden ist schwer zu beurteilen, es ist sehr subjektiv. Bei schweren Verletzungen ist in den ersten Momenten kaum Schmerz zu spüren. Dieses Wahrnehmungsmuster führt auch zu großen Schwierigkeiten in der Diskussion um die Ferkelkastration. Unbestritten ist, dass durch Schmerzen Stress ausgelöst wird, und so kann auch der Anstieg von Stressparametern rückwirkend als Anzeichen für Schmerz gedeutet werden, wenn andere Stressoren auszuschließen sind.
Aus diesem Grunde wurden bei den Versuchsferkeln aller Gruppen Blutproben vor dem Festhalten bzw. vor der Injektion des Betäubungsmittels, nach dessen Injektion und nach der Kastration entnommen. In den Blutproben wurde der Gehalt an Kortisol, Chromogranin sowie Adrenalin und Noradrenalin bestimmt. Diese Stresshormone stiegen alle nach der Kastration deutlich an. Etwas höher waren die Werte bei den Tieren, die mit Procain kastriert wurden, und am höchsten waren sie bei den Ferkeln, die ohne Betäubung kastriert wurden.
Auffallend ist, dass die höchsten Werte 60 Minuten nach der Kastration gemessen wurden. Da ihre Interpretation häufig schwierig ist, wurde ergänzend das Verhalten der Ferkel beobachtet: Nach der Kastration konnten sie nur über einen Hürdenlauf zurück zur Sau gelangen.
Die nicht kastrierte Gruppe, aber auch die mit Lidocain behandelte Gruppe zeigten deutlich weniger Abwehrbewegungen. Bei allen waren die Abwehrbewegungen beim Durchtrennen des Samenstrangs am höchsten. Dies zeigt wiederum, dass dies sicher der schmerzhafteste Eingriff bei der Kastration ist. Beim Hürdenlauf verzeichnete die mit Procain betäubte Gruppe die meisten Auffälligkeiten.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung deuten darauf hin, dass die hier angewendete Lokalanästhesie zu keiner vollständigen Schmerzausschaltung führte. Die Kastration mit vier Injektionen von Procain verursachte eine vergleichbare bis insgesamt höhere Stressreaktion und Belastung als die betäubungslose Kastration. Der Wirkstoff Lidocain in unterschiedlicher Konzentration, Dosierung und Anwendung konnte die Stressbelastung direkt nach der Kastration im Vergleich zu 2 %igem Procain reduzieren, führte aber kaum zu einer Reduktion der kastrationsbedingten Stressreaktion.
Auf den ersten Blick sind diese Ergebnisse ernüchternd. Im vorgestellten Versuch hatte die Injektion in den Hoden die besten Ergebnisse. Erfahrungen aus der Praxis zeigen andererseits, dass bei einer höheren Dosierung auch das zugelassene Procain eine stärkere Betäubungswirkung hat. Besser erscheint aber eine Zulassung für das Lidocain oder neuere und noch wirksamere Lokalanästhetika, die in der Humanmedizin bereits angewendet werden.

Dr. Jürgen Harlizius, Schweinegesundheitsdienst, Landwirtschaftkammer NRW

Aus DLG-Mitteilungen 1/2019. Den vollständigen Artikel als PDF lesen Sie hier.

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