25.01.2017

Digitalisierung. Trial and Error

Foto: Peter Potrowl / CC BY-SA 3.0

Was der Thermomix mit Ackerbau zu tun hat? Eine ganze Menge, findet Katrin Rutt, nachdem sie den Kongress  »Farm & Food 4.0« besucht hat.

Wenn Plan A nicht mehr funktioniert, braucht man einen Plan B, und wenn möglich vielleicht auch noch einen Plan C. Innovationen im Ackerbau lieferten bisher vor allem die Landtechnikhersteller, die Pflanzenschutzindustrie und die Züchter in Form von schlagkräftigen Maschinen, neuer »Chemie« oder verbesserten Sorten. In allen Bereichen geraten die Unternehmen aber zunehmend an ihre Grenzen. Das zeigt nicht zuletzt unser aktuelles Titelthema »Pflanzenschutz: Wie lange noch wie gewohnt?«
Wir brauchen also einen Plan B. Innovationen müssen künftig woanders herkommen. Großes Potential verspricht hier die Digitalisierung. Auf dem Kongress »Farm & Food 4.0« am 23.1.2017 diskutierten Agrar- und Lebensmitteltechniker, Groß- und Einzelhändler, Produktentwickler, Qualitätssicherer und Landwirte über die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung in der Agrarwelt.

Vom Thermomix bis zum Internet der Pflanzen. Haben Sie einen Thermomix? Ich nicht. Gehört habe ich natürlich schonmal von dem Gerät. Aber mir war bisher nicht bewusst, was für einen Hype es darum gibt. Im vergangenen Jahr verkaufte Vorwerk mehr als 1,3 Mio. Geräte. Dabei gehen die Meinungen darüber extrem auseinander. Die einen vergöttern den modernen Küchenautomaten, den anderen ist er suspekt. Schneiden, Hacken, Rühren, Garen und Kochen auf Knopfdruck – ohne Expertise oder Leidenschaft für die Küche. Für viele klingt das attraktiv, weil einfach. Dass man für die Zaubermaschine über 1000 € berappen muss, hindert die Kunden offenbar nicht daran, sich dennoch für das Original zu entscheiden und nicht für ein analoges Billigfabrikat. Der Grund: Hinter dem Thermomix steht eine ganze Community. Ein Netzwerk an »Usern« und natürlich ein umfangreiches Serviceangebot. Wer sich für so ein Gerät entscheidet, will ein Teil davon sein und von all den Vorzügen, die das »Paket Thermomix« bietet, profitieren. Der Thermomix polarisiert also ähnlich wie Apple. Und eingeschworene Apple-User wollen in der Regel auch nicht wieder »zurück« zu Microsoft.

Seit kurzem hat die Küchenmaschine auch einen Internet-Anschluss. Der Nutzer kann über ein Modul Rezepte aus dem zugehörigen Online-Portal auf das Display laden, sich eine Einkaufsliste schreiben lassen und anschließend dank eingebauter Navigation durch die Zubereitung führen lassen. Fehlt nicht mehr viel Phantasie, bis das Gerät automatisch die notwendigen Zutaten beim Lebensmittelhandel anfordert und alle Utensilien zu der gewünschten Uhrzeit vor der Haustür stehen. Schließlich kommt der E-Food-Commerce (also der Handel mit Nahrungsmitteln im Internet) ja gerade erst in Fahrt.

Foto: Rutt

Und was hat das jetzt mit dem Ackerbau zu tun? Ähnlich wie beim Kochen, sind die »Basis-Zutaten« für ein gutes Ergebnis bekannt. Ob ein neues Grubberschar, ein neu formuliertes Fungizid oder eine neue Sorte mit 2 dt/ha Mehrertrag uns aber weiter den großen Fortschritt bringen werden, den wir über kurz oder lang brauchen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, ist fraglich. Ob das die neuen digitalen Technologien schaffen, ist zwar genauso fraglich. Aber mit ein wenig Vorstellungskraft ist vieles möglich. Das hat die »Farm & Food 4.0« gezeigt. Die Appwelt floriert. Krankheitserkennung online via Foto, automatische Steuerung von Maschinen oder Beregnungsanlagen, automatisierte Auswertung von Satellitenbild-, Klima- und Bodendaten, Bodenanalyse in Echtzeit oder das komplette Betriebsmanagement auf dem Handy. Das alles ist keine Zukunftsmusik mehr. Darüber hinaus gedeihen sowohl bei großen, etablierten Unternehmen als auch bei Startups Geschäftsideen, die die gesamte Kette im Blick haben. So gibt es z.B. digitale Marktplätze, die Produzenten mit Kunden verbinden. Und es werden aufgestapelte Minigewächshäuser in Supermärkten getestet, in denen Gemüse oder Kräuter in Hydrokultur wachsen.

Über die Sinnhaftigkeit, die Dimensionen und den Zeithorizont der neuen Entwicklungen kann man mit Moment nur philosophieren. Aber dass die Digitalisierung unsere Produktions- und Lebensprozesse verändern wird, steht wohl außer Frage. Auch beim Thermomix kommen die Entwickler mit ihren klassischen analogen Verbesserungen allmählich an ihre Grenzen. Der Mehrwert wird jetzt über das »Internet der Dinge« generiert. Ackerbaustrategien zur Wahl auf Knopfdruck? Klingt doch schon irgendwie verlockend, oder? Dass die digitale Welle auch die Landwirtschaft erfasst hat, haben die letzten beiden Agritechnica deutlich gezeigt. Ob man diese Welle mitreiten will, liegt bei jedem selbst – so wie die Entscheidung über den Kauf eines Thermomix’.

Katrin Rutt

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