Ein Vorbild für VW & Co.

 

Selbstverständnis. Wenn man sich als Landwirt vergegenwärtigt, wie Automobilindustrie und Politik in der »Dieselthematik« »Händchen gehalten« haben und teilweise noch halten, kann man nur neidisch werden. Die Selbstgefälligkeit mancher Manager und die Willfährigkeit mancher Politiker scheinen auch im Lichte offensichtlichen Betrugs ungebrochen. Nach wie vor scheint bei den Autobauern der Grundsatz zu gelten: »Lasst uns mal machen, wir regeln das schon selbst«. Diese Branche fühlte sich bisher unantastbar. Ist sie doch mit 800 000 Beschäftigten und 400 Mrd. € Umsatz (davon 150 Mrd. € im Inland und 250 im Export) ein Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft. Was gut ist für die Autoindustrie, ist gut für Deutschland.

Muss das immer so bleiben? Nicht nur drohende Fahrverbote, sondern auch die Perspektive der Elektromobilität sorgen für gehörige Verunsicherung. Es täte den Autoleuten gut, mal einen Blick in die Landwirtschaft zu riskieren. Sie ist mit einem Produktionswert von 50 Mrd. € gemessen an der Autoindustrie zwar ein wirtschaftlicher Zwerg. Aber auch sie genoss vor 20 Jahren fast ohne Wenn und Aber die schützende Glasglocke der Politik. Als 1997 Constantin Freiherr Heereman von Bundeskanzler Helmut Kohl höchstpersönlich als DBV-Präsident verabschiedet wurde, da konnte jeder, der dabei war, das innige Verhältnis von Landwirtschaft und Politik förmlich spüren. Damals funktionierten die Netzwerke noch, die vom Verband direkt zu den politischen Schaltstellen reichten. Kein Gesetz kam durch, so wurde kolportiert, dem nicht zuvor der Bauernverband seinen Segen gegeben hatte. Kaum später haben die BSE-Krise und neue politische Farben alles verändert. In der Agrarpolitik finden die Umweltlobbyisten ihren festen Platz. Seitdem arbeitet sich die die Landwirtschaft daran ab, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen.

Das kostet Kraft und Nerven, und es funktioniert nicht über Nacht. Aber vielleicht sind die »Geschehnisse« in der Autoindustrie ein Anlass, ein bisschen stolz auf die Landwirtschaft zu sein. Denn die hat einiges schon hinter sich, das der Autoindustrie mit einiger Sicherheit erst noch bevorsteht. Damit sind nicht nur Gesetze und Verordnungen gemeint, sondern auch das Selbstverständnis als Teil der Gesellschaft. Man ist eben nicht allein auf der Welt, man kann nicht mehr alles selbst oder im Vertrauen auf seine Verbündeten in der Politik regeln.

Ich bin überzeugt: Das wird auch die Autoindustrie lernen. Der Dieselbetrug ist ihr BSE-Skandal.

 

Thomas Preuße